25.09.2014

Auf dass wir klug werden

Dirk Pilz
Freier Publizist

Der Versuch einer Einordnung: Das Bet- und Lehrhaus in Berlin als Herausforderung zur Toleranz

von Dirk Pilz

Im März 1554 erschien ein kleines Büchlein des französischen Gelehrten und Philosophen Sebastian Castellio, das sich die Frage vorlegte, ob man Ketzer verfolgen solle. Die Schrift wurde in Latein gedruckt, jedoch rasch auch ins Deutsche übersetzt und viel gelesen. Aber das besagt nicht viel. Lesen allein hilft ja nicht, der Mensch ist mehr als sein Kopf. Das hat sich nicht geändert. Im Jahr 2013 wurde die Schrift wieder aufgelegt, jetzt unter dem Titel "Das Manifest der Toleranz". Sie hat ihre Aktualität nicht verloren.

Castellio reagierte seinerzeit auf die kriegerischen Auswüchse der Reformation, besonders auf Calvin und dessen Fürsprache der Hinrichtung des vermeintlichen Ketzers Michael Servet, auf die Zerwürfnisse unter Christen also, auch auf den unbarmherzigen Umgang mit "Juden und Türken". Ketzer, sagt er, gibt es zweierlei: Die einen sind "starrköpfig in ihren Sitten", die anderen "in geistlichen Dingen und der Lehre". Aber das Evangelium und die Menschlichkeit wolle, "dass wir einander nicht verdammen, sondern wenn wir es besser wissen, so sollen wir auch besser und barmherziger sein". Denn dies sei gewiss: "Je besser einer die Wahrheit kennt, desto weniger neigt er dazu, die anderen zu verdammen". Wer andere verdamme, offenbare nur, "dass er nichts weiß, da er den anderen nicht zu ertragen weiß".

Die Wahrheit – damit sind wir in den letzten 500 Jahren aus guten Gründen vorsichtiger geworden. Aber es bleibt wahr, dass es allen Religionen, den monotheistischen zumal, um die Wahrheit geht. Und es bleibt auch wahr, dass es Toleranz ohne Kenntnis der anderen und des Eigenen nicht geben kann, allenfalls stumpfes Akzeptieren, bloßes Hinnehmen. Das zu Tolerierende wird so in den Bettelstand versetzt, heruntergestuft zum Objekt der Duldung, verdinglicht zum Gegenstand des Gewährenlassens. Toleranz aber erkennt im anderen ein Gegenüber, ohne das dem Eigenen etwas fehlen würde. Toleranz bringt das Denken und Fühlen in Kategorien des Eigenen und Anderen überhaupt ins Wanken, lässt wirklich werden, dass sich nie Ideen und Konzepte, Kulturen oder Traditionen einander begegnen, sondern stets Menschen, konkrete Biographien.

Das muss man lernen. Menschen sind nicht ja naturwüchsig tolerant, und Toleranz ist kein anspruchsloses Unterfangen; ohne Wagnis, das für selbstverständlich Erachtete oder Erhoffte zu überprüfen, gibt es kein tolerantes Miteinander, allenfalls Nebeneinanderher. Aber ist es das, was einer Gesellschaft Halt schenkt?

"Nichts auf dieser Welt ist gefährlicher als aufrichtige Ignoranz und gewissenhafte Dummheit", hat Martin Luther King gesagt. Nichts ist gefährlicher als ahnungsloses Abnicken von Verschieden- und Ungleichheiten, mentalen, kulturellen und religiösen Unterschieden innerhalb einer Gesellschaft. Es fördert nicht die Toleranz, sondern parallelgesellschaftliches Verharren in Vorurteilen, oder Wegsehen, oder Ressentiments. Castellios Botschaft war: Man muss sich von der Vorstellung verabschieden, dass Toleranz und friedliches Miteinander etwas ist, das lediglich von Irrlehren oder Irrtümern, von Umständen oder bestimmten Verhältnissen verstellt und verhindert werde. Man muss Toleranz lernen, üben, immer wieder. Und lernen gibt es nur im Dreischritt: lernen, scheitern, weiterlernen.

In Berlin entsteht ein Bet- und Lehrhaus, eine gemeinsame Heimat für Juden, Muslime und Christen. Braucht es das?

Das Bet- und Lehrhaus braucht es, weil wir in Sachen Toleranz lernbedürftig sind. Und wir, das sind alle, die in diesem Land leben, Konfessionslose und Atheisten, Christen, Juden und Moslems, religiös Unentschiedene und Uninteressierte gleichermaßen.. Natürlich ist es auch eine Provokation, ein Haus in die Hauptstadt zu stellen und ihr damit die Botschaft zu senden, dass diese Stadt und diese Gesellschaft des gemeinsamen Lernens und Einübens in Toleranz benötige. Aber es antwortet damit auf die realen Verhältnisse dieser Stadt und dieser Gesellschaft. Das Bet- und Lehrhaus ist keine Stein geworden Sonntagsrede, es ist auch keine Schule, kein pädagogisches Weltverbesserungsinstitut für Nachholbedürftige. Es ist ein Haus der Einübung – und des Gebets, des Gottesdienstes, der Stille. Ein Gotteshaus, aber kein Ort des Religionsmischmasch. Zur Toleranz gehört, die Differenzen lieben lernen, sie kennen, sie wertschätzen.

Das Bet- und Lehrhaus stellt deshalb auch die Gretchenfrage an eine Gesellschaft, die von einem säkularen Staat regiert, aber von Religion durchdrungen ist: Wie hältst du es mit dem Glauben? Es ist die Frage nach dem Glauben unter den Bedingungen der Moderne, die den alle und alles verbindenden Himmel leer geräumt hat, aber von den Himmeln nicht zu lassen vermag oder kann. Unter dem Werte-Dach der Demokratie und Menschenrechte wohnen die verschiedensten Vorstellungen davon, was eine gute Gesellschaft ausmacht. Und welchen Ort haben hier Religionen, die mit den Ansprüchen der Wahrheit und Universalität auftreten? Wie stehen sie zueinander, wie zum großen Ganzen?

Das ist die Herausforderung einer Moderne, die lernen muss, sich von ihrem einstigen Selbstversprechen zu verabschieden – sie hat keineswegs die Religionen aus der Welt geschafft, auch nicht die Transzendenz, sondern wie alles auch dies Wandlungsprozessen unterworfen. Nicht die Religion verschwindet, sondern die Vorstellung, dass Fortschritte, welche auch immer, der Religion die Basis entziehen. Doch wie leben in einer Moderne, die genauso wenig wie die Religionen ihren weltumfassenden Anspruch aufzugeben bereit sein kann? Das ist keine theoretische Frage, sie stellt sich tagtäglich in einer Gesellschaft, die längst keiner einheitlichen Kultur mehr angehört, in der verschiedene Gottes- und Glaubensbegriffe, Lebenswelten, Traditionen, Erwartungen, also verschiedene Menschen aufeinandertreffen, aufeinander in unterschiedlichsten Weisen, vom gegen- bis zum füreinander.

Wer es noch nicht bemerkt hat, wird es am Bet- und Lehrhaus bemerken: Wir leben mitten in einem gesellschaftlichen Wandel, mit offenem Ausgang. Man kann ihn nicht aufhalten, aber man kann ihn gestalten.

Dr. Dirk Pilz, geb. 1972, freier Publizist, studierte Literatur, Philosophie und Psychologie in Potsdam, Berlin und Kopenhagen, promovierte in Literaturwissenschaft, ist Autor der Berliner Zeitung, schreibt daneben vor allem für die Neue Zürcher Zeitung; einer der Mitgründer und Redakteure von www.nachtkritik.de; Lehraufträge an mehreren Universitäten. Für das Bet- und Lehrhaus arbeitet er als Moderator.

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