Montag, 25. Mai 2020

„Meine Brille ist das Judentum“

Rabbiner Ben Chorin ist Projektbotschafter des House of One in Israel. project ambassador israel haifa

Golan Ben Chorin wurde im November 2019 zum Projektbotschafter für das House of One berufen. Der unternehmerisch denkende Pädagoge und geistliche Erneuerer ist vom Stiftungsrat einstimmig gewählt. Ben Chorin studierte Jewish Education (Jüdische Erziehung/Bildung) in Israel und den USA. Nach seiner Promotion in Erziehungsphilosophie forschte er an der Universität von Haifa und ist seit vielen Jahren international als Berater in seinem Fachgebiet tätig. Ben Chorin wurde 2007 zum Rabbiner ordiniert und lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Haifa, Israel. In diesem Interview spricht er darüber, was ihn zum interreligiösen Dialog gebracht hat.

 

Herr Ben Chorin, Sie haben einmal gesagt, dass Sie im Grunde schon Ihr ganzes Leben in den interreligiösen Dialog involviert sind...

Ja, eigentlich schon von Geburt an. Mein Großvater, Schalom Ben-Chorin, gehörte zu den Pionieren, die in den 1950er Jahren von Israel aus der deutschen Gesellschaft die Hand reichten. Da mein Vater ein Reformrabbiner ist und meine Mutter die Türen unseres Hauses stets für alle offen hielt, wuchs ich in einem Umfeld auf, das den interreligiösen und den innerreligiösen Dialog geradezu verkörperte.

 

In welcher Hinsicht?

Ich erlebte Priester und Mönche und Imame und Menschen noch anderer Glaubensrichtungen im Haus meiner Eltern. Auch Vertreter verschiedener jüdischer Strömungen waren unter ihren Freunden und Besuchern. Meine Eltern gaben mir auf diesem Weg zwei Grundlagen für diese pluralistische Weltsicht mit: eine sehr starke Verwurzelung in ihrer eigenen jüdischen Identität und eine spirituelle Neugierde für den Reichtum menschlicher Erfahrung. Das hinterließ einen tiefen Eindruck für meine eigene Herangehensweise an die Welt. Als ich mich für einen wissenschaftlichen Weg entschied, schrieb ich auch meine Doktorarbeit über jüdischen Pluralismus - wie man ein Bildungsumfeld schafft, das authentisch jüdisch und authentisch pluralistisch ist.

 

Was nehmen Sie aus dem Austausch der Religionen für sich mit?

Wir sind alle auf eine Art und Weise in unseren eigenen Denk- und Sehweisen sowie unserer eigenen Sinnstiftung gefangen. Als menschliche Wesen sind unsere Sinne einer ständigen Informationsflut ausgesetzt. Unser Verstand filtert die Informationen und entscheidet, worauf wir uns konzentrieren und was wir auslassen. Noch wichtiger ist, dass unser Verstand den Informationen, derer wir uns bewusst werden, eine Bedeutung zuweist. Durch die "Sprache des Geistes" erzählt uns unser Verstand Geschichten, die unserem Leben einen Sinn geben. So arbeitet unser Verstand. Für mich ist das Judentum eine Sprache der Sinnstiftung, durch die ich meinem Leben einen Sinn zuweise. Es ist wie der Blick durch eine bestimmte Brille. Meine Brille ist das Judentum.

 

Sie sind also in gewisser Weise in Ihrem eigenen Weltbild gefangen?

Sicher, aber wenn wir mit anderen Religionen oder anderen Philosophien interagieren, bereichern wir unser eigenes Verständnis, wenn wir andere Herangehensweise kennenlernen. Das ist für mich die Bedeutung des Pluralismus. Es ist eine Weltanschauung, eine Annahme, dass ich an eine Wahrheit glaube, und andere Menschen gleichzeitig ihre eigenen Wahrheiten haben. Je mehr wir mit Menschen verschiedener Religionen, Glaubensrichtungen, politischen Ansichten oder Weltanschauungen interagieren, desto mehr gewinnen wir an Wertschätzung und verbessern unser Verständnis für die Komplexität menschlicher Erfahrungen.

 

Heute teilt diese Sichtweise nicht unbedingt die Mehrheit der Menschen ...

Meiner Ansicht nach ist das aber der Weg, der die Menschheit immer wieder nach vorne gebracht hat und auch künftig nach vorne bringen wird. Das hat usn die Geschichte immer wieder gezeigt. Menschen können aus dem ausbrechen, was als wahr und richtig verstanden wird. Diese Fähigkeit hat die Entwicklung von Wissenschaft, Religion und Philosophie ermöglicht. Jeder glaubt doch von sich selbst, dass er richtig liegt und das Bestmögliche tut,  ganz gleich, ob es sich um einen Christen, einen Moslem, einen Juden oder einen Bahai handelt. Wenn wir uns aber mit verschiedenen Perspektiven auseinandersetzen, können wir ausbrechen und sehen, wo wir unser Verständnis möglicherweise anpassen, aktualisieren oder ändern müssen.

 

Können Sie uns ein Beispiel Ihres interreligiösen Engagements geben?

Vor zwölf Jahren gründete ich HaiFIC, das Haifa-Forum für interreligiöse Zusammenarbeit. Es war ein öffentliches Bekenntnis, das sich aus meinem Privatleben entwickelte. Die Tatsache, dass ich Imame, Priester oder Führer der Bahai-Gemeinde zu meinen Freunden zählte, war für sich allein genommen vielleicht persönlich bereichernd, was wir aber brauchten, war ein öffentliches Statement. Wir mussten unserer Gesellschaft andere Wege jenseits der Polarisierung zeigen. Dass es Freundschaft, Verbundenheit und gesunde Beziehungen über kulturelle und religiöse Gräben hinweg gibt und sie Teil der Komplexität des Lebens in Israel sein können. Dieser Dialog ist unsere kontinuierliche gemeinsame Arbeit für eine bessere Gesellschaft. So habe ich auch eine vielfältige intra-religiöse Gemeinschaft in Rosh Pina gegründet, ...

 

… eine Stadt im Norden Israels…

… eine pluralistische jüdische Gemeinde. Wir haben keine Synagoge gebaut, sondern andere Plattformen genutzt, um Menschen für das Judentum zu begeistern und das Judentum zu den Menschen zu bringen. Für unsere Zusammenkünfte zum Lernen und für das Gebet nutzten wir einen Gemeinschaftsraum in einem alten Weingut und gestalteten einen Gemeinschaftsgarten. In diesem Garten bauten wir am Festtag von Sukkot eine Laubhütte, eine temporäres Gebilde, das uns nach jüdischer Tradition an die Wanderung des jüdischen Volkes durch die Wüste erinnern soll. Das Wort Sukka bedeutet sicherer Einschluss. In unserer Sukka brachten wir muslimische, christliche und jüdische Kinder zum Spielen, Essen und Musizieren zusammen. So wurde aus einer "religiösen" Institution ein Ort des Miteinanders, an dem Mauern eingerissen werden. Unsere Sukka wurde zu einem Ort des Friedens. In der Folge wurden wir auch die spirituelle Heimat für einen multireligiösen Kindergarten. Christliche, muslimische und jüdische Kinder sind dort gemeinsam aufgewachsen.

 

Hängt die Idee des Gemeinschaftsgartens mit dem Projekt zusammen, das Sie mit dem House of One in Haifa entwickeln?

In gewissem Sinne. Gebäude errichten Mauern. Mauern sind Grenzen, die definieren, wer hineinkommt und wer nicht. In Israel werden Synagogen, Moscheen und Kirchen als rein religiöse Stätten angesehen, deshalb würden nicht religiöse Mensch diese Orte nicht betreten. Ich wollte diese Grenzen niederreißen und dennoch einen physischen Raum schaffen, der die Ideale des House of One verkörpert.

 

Deshalb kam Ihnen die Idee mit dem Garten?

Vor vielen Jahren hat die Gemeinde Haifa HaiFIC Land gespendet, auf dem wir Bäume gepflanzt und "den Fellowship Grove" eingeweiht haben. Als ich das House Of One besser kennenlernte, verschmolzen diese Ideen miteinander. Gegenwärtig arbeiten wir mit einer Gruppe von Gleichgesinnten aus verschiedenen Glaubenstraditionen, Geschlechtern und Weltanschauungen an der Gestaltung dieses Gartens. Wir stellen uns fünf Außenkapellen vor, eine für jede der in Haifa vertretenen organisierten Religionen: Bahai, Drusen, Muslime, Christen und Juden - und dann wird es einen sechsten Bereich geben, der die Menschheit repräsentiert. Das mag für jemanden, der das House of One kennt, sehr vertraut klingen. Hier entsteht es in einer natürlichen Umgebung; es ist völlig offen. Jede der Außenkapellen wird von Menschen unterschiedlicher Glaubenstraditionen gestaltet werden. Durch die Wahl des Blattwerks, der Struktur, vielleicht eines Pavillons oder einer Verkleidung, durch Design oder Kunst werden sie sich ausdrücken. Wenn später Menschen durch den Garten flanieren, werden sie von verschiedenen Glaubenstraditionen beeinflusst und inspiriert.

 

Was erwartet die Besucher außerdem?

Es wird eine zweite, eine pädagogische Ebene geben. Zum einen sollen das Veranstaltungen, aber auch Möglichkeiten der Interaktion sein. Wir planen etwa, pädagogische Lerntools im Garten zur Verfügung zu stellen. Zum Beispiel solarbetriebene digitale Tafeln, auf denen Besucher mit Hilfe ihrer Smartphones Nachrichten hinterlassen können, auf die andere wiederum reagieren. Es wird wie eine Seite im Talmud sein - es gibt einen zentralen Text, den Menschen kommentieren, Argumente und Ideen darüber austauschen. Man könnte auf diese Weise über Raum und Zeit kommunizieren, so wie es im Talmud geschieht.

 

Was brachte Sie zum House of One?

Als ich den Entwurf des Gebäudes sah, empfand ich es als einen großartigen Ausdruck dessen, wie meiner Meinung nach interreligiöse Arbeit sein sollte. Mitunter wird interreligiöse Arbeit meines Erachtens nach falsch dargestellt, etwa nach dem Motto: "Oh, wir sind alle gleich." Ich bin anderer Ansicht. Wir sind nicht alle gleich. Jeder Mensch, jede Glaubenstradition nimmt die Realität durch eine andere Brille wahr, deshalb sind unsere Erfahrungen auch andere. Das House of One verkörpert diese Idee, dass es auf der einen Seite eine allgemeine menschliche Existenz gibt - im Bau ist das der zentrale Raum in der Mitte - aber gleichzeitig gibt es verschiedene Möglichkeiten, darauf zu antworten, zu reagieren und sogar zu verstehen, dass die Realität durch die einzigartigen, voneinander unabhängigen Räume der Anbetung architektonisch ausgedrückt wird. Das ist die Komplexität der interreligiösen Arbeit, an die ich glaube.

 

Sie scheinen ein sehr optimistischer Mensch zu sein.

Ich sehe mich selbst als optimistischen Realisten. Ich kopple meinen Streitwagen an die Sterne. Man kann nicht losgelöst von der Komplexität des Lebens philosophieren. Man muss in der Welt bleiben. Deshalb bin ich Rabbiner. Ich arbeite mit Menschen in dieser Wirklichkeit, und das ist der Streitwagen. Wenn ich ihn an die Sterne kopple, bringt das spirituelle Erhebung. Darum können wir so schöne Geschichten erzählen.