Dienstag, 15. Oktober 2019

Chorint: Librettist Lehnert über interreligiöse Chormusik

Christian Lehnert, Autor des Libretto "In wüstem Land ohne Weg", Uraufführung bei Chorint

Die 5. interreligiösen Chormusiktage, ChorInt (23. -27. Oktober 2019), haben sich dieses Jahr anläßlich der bevorstehenden Grundsteinlegung des House of One die "Musik im interkulturellen Dialog" zum Thema genommen. Den Höhepunkt der viertägigen Chormusiktage bildet am Sonnabend, 26. Oktober, eine Uraufführung: Die Oratorischen Szenen "In wüstem Land ohne Weg". Der Dichter und Theologe Christian Lehnert und der Komponist Saad Thamir haben sich zusammengetan und mit diesem Werk eine Neuinterpretation der Ringparabel gewagt.

Im Interview spricht Christian Lehnert über die tiefe Verwandtschaft der drei abrahamitischen Religionen und die Wiederkehr religiösen Bewußtseins.

 

Herr Lehnert, Sie haben Ihr Libretto „In wüstem Land ohne Weg“ genannt. Wofür steht für Sie Wüste?

Wüste ist eine Landschaft an der Grenze der Bewohnbarkeit. Sie ist aber auch ein besonderer Ort in den großen Mythen der Weltreligionen, der zweierlei beinhaltet: das Höchstmaß an Unbehaustheit und Leere sowie ein Höchstmaß an Nähe zur Transzendenz. Die Wüste ist der Ort der Offenbarung, nicht nur in der Bibel. Mohammed etwa zieht sich in einer Lebenskrise in die Wüste zurück. In der Thora steht beschrieben, wie das Volk Israel nach der Vertreibung aus Ägypten 40 Jahre durch die Wüste irrt.

 

Ausgangspunkt Ihrer Arbeit war die Ringparabel aus G.E.Lessings „Nathan der Weise“. Was führte Sie von dort in die Wüste?

So populär die Ringparabel auch ist, hat sie doch gewisse Schwäche in unserer heutigen Zeit. Sie basiert auf der Voraussetzung, dass eine Instanz - in diesem Fall in Gestalt von Sultan Saladin - von oben auf die drei Religionen schaut und entscheidet, welche die wahre ist. Für Lessing als Aufklärer steht die menschliche Vernunft über der Religion. Diese Position ist für uns Zeitgenossen eher schwierig geworden.

 

Warum?

Nach den vielen ideologischen Beben des 20. Jahrhunderts und der Erkenntnis der Manipulierbarkeit des Menschen stehen wir der Vernunft auch skeptisch gegenüber. Zudem erleben wir vielerorts in der Welt eine Wiederkehr religiösen Bewußtseins. Religionen entziehen sich in ihrem Selbstverständnis aber dem Vernunftsurteil, weil sie nur von innen heraus verstanden werden können. Man kann gegenüber der Religion keinen neutralen Standpunkt einnehmen. Man kann sie bejahen oder verneinen, aber es gibt keine Neutralität. Es gibt keine Instanz, die objektiv urteilt. Dieser Standort ist uns seit Lessing abhanden gekommen.

 

Die zentrale Botschaft ist doch die Suche nach dem Miteinander, das Verständnis.

Mein Ausweg war daher, von der Parabel motivisch abzurücken und zu schauen, wo sich die Religionen treffen, die im House of One versammelt sein werden. Sie treffen sich in bestimmten Bildern von Gott und in Erzählzusammenhängen. Alle haben sie ihren Kern in der Wüste. 

 

Hat das Bild auch mit eigenen Erfahrungen als Mensch in einer religiösen Wüste zu tun, wie sie die DDR war. 

Ich bin überhaupt nicht religiös aufgewachsen. Eine Kirche habe ich zuerst mit fünfzehn Jahren von innen gesehen. Ich war ganz ein Kind der DDR. Im Marxismus aber ist subtil Religion versteckt. Man glaubte an den Sinn der Geschichte und an die Erlösung der Menschheit in einem paradiesischen Zustand, der sich Kommunismus nennt. Der hat sich geradezu kirchlich in Gestalt einer Partei gezeigt, wurde liturgisch, gottesdienstähnlich inszeniert auf Parteitagen. Man kann nicht sagen, dass die Menschen in der DDR areligiös aufgewachsen wären. 

 

Heute scheint die neue Rechte die Rolle des Heilsbringers zu übernehmen.

Ja, auch der Rechtsradikalismus hat etwas Quasi-religiöses. In dem Moment, wo in der Moderne gewissermaßen ein religiöser Bezug aus der Gesellschaft entfernt ist, stehen Sinnfragen in viel stärkerem Maße an und müssen gesellschaftlich wie politisch beantwortet werden. Daher haben die modernen Gesellschaften einen Zug, das Ende der Geschichte anzuvisieren, ein Goldenes Zeitalter, die Erlösung, das Paradies. Eine endzeitliche Dimension wird in politische Diskurse eingetragen wird. Eine rechte Erzählung klingt sehr einfach: Wenn das Volk und die Rasse endlich rein sind, kehren die Menschen heim zu sich selbst und zu gesunden Verhältnissen. Solches gefährliches Schwärmertum zeigt, wie Religion doch unterschwellig präsent ist in der Politik.

 

Dieser Erklärung nach leben wir in einer hochreligiösen Zeit.

Ich halte die Säkularisierung für eine Scheingeschichte. Schaut man genauer hin, ergeben sich viele Fragezeichen. Es ändern sich oft nur die Formen, aber Menschen sind weiter in gewissem Sinn religiös. Bindungen nehmen ab, aber nicht die religiösen Energien. Keine Weltanschauung kommt übrigens ohne Glaubensaussagen aus.

 

Bei der Lektüre Ihres Librettos wird einem bewußt, dass es mehr Gemeinsamkeiten in den Heiligen Büchern als im realen Leben zwischen religiösen Menschen gibt.

Heute steht die Erfahrung von Unterschied und Fremdheit im Vordergrund. In aller Regel stehen dabei nicht religiöse, sondern kulturelle Fragen im Vordergrund. Orientalische Christen werden deshalb nicht weniger fremd wahrgenommen wie Muslime. Ich denke, dass die drei Religionen Judentum, Islam und Christentum zutiefst verwandt sind. Dennoch gibt es gravierende Unterschiede etwa im Gottesbild.

 

Nämlich?

Im Christentum gibt es den dreifaltigen Gott: Jesus offenbart sich vollständig als Mensch, bleibt dabei eins mit Gott dem Schöpfer, und dieser wird in seiner Wirkmacht Heiliger Geist genannt. Das sind drei Personen in einer. Der Islam lehnt das komplett ab. Dahinter steht, dass das Christentum stärker danach schaut, wie Gott sich zeigt, der Islam aber stärker die Jenseitigkeit Gottes betont.

 

Das Motiv des Atems taucht in ihren Werken immer wieder auf, auch in diesem, wenn auch nur am Rande. Wofür steht das Bild?

Wind, Heiliger Geist ist eine alte biblische Metapher. Das Schöne ist ja, dass in der Bibel - das betrifft den Koran im übrigen auch - diese Dinge viel weniger abstrakt klingen als für uns heute. Das zeigt, wieviel sinnlicher Religion empfinden wurde. Gott ist präsent, gegenwärtig wie der Wind. Das ist ein sehr starkes Bild.

 

Und wofür steht es für Sie persönlich?

Das Phänomen des Windes, des Atems ist mir auch deshalb wichtig, weil es etwas zutiefst Inneres ist, das ureigene Lebenszeichen, und zugleich etwas Äußeres. Es ist ein Zeichen, dass der Mensch nie in sich selbst abgeschlossen ist, sondern sich immer einem Lebensraum außerhalb seiner selbst verdankt. Innen und außen, öffnen und Verschließen, das Ganze ein Fluss.

 

Das läßt sich auch wunderbar in Musik, vor allem in Gesang übersetzen.

Im Gesang wird Atem Gestalt, wird Ton. Und dazu kommt die Wüste. Wer je in einer Wüste gewandert ist, weiß wie stark dort der Wind zu hören ist, wie nuancenreich. Ich kenne das aus dem Sinai: Je optisch eintöniger die Landschaft, um so schärfer wird das Gehör.

 

Das Ende ihrer Oratorischen Szenen bleibt offen, das Leben als ewige Suche.

Das ist doch wunderbar! Immer heißt es, Religion sei etwas abgeschlossenes, Religion würde das Leben erklären, würde Sicherheit und Behausung geben. Das eigentliche Wesen der Religion aber ist die Verunsicherung: Dass wir eben nicht ganz daheim sind in uns selbst. Der Mensch ist sich eine Frage. Das vor allem bringt die Religion zum Ausdruck – was uns übersteigt, eine Transzendenz, ein Gehen, eine Fortbewegung in etwas, das ich noch nicht kenne oder verstehe oder habe. Gewissermaßen ist diese Offenheit des Suchens der Kern. Wenn ich schon wüßte, was Gott sei, bräuchte ich nicht religiös sein. Man muss in die Wüste gehen, um zu hören.