Donnerstag, 24. Oktober 2019

Interreligiöser Jugendaustausch mit Georgien

Das friedliche Miteinander der Religionen steht auch wieder im Zentrum unseres diesjährigen Jugendaustausch mit Georgien. Menschen anderen Glaubens, anderer Kultur begegnen, sich austauschen, Freundschaften und Beziehungen aufbauen über Grenzen hinweg - das ist ein Grundgedanke des House of One, dem auch unser Jugendaustausch folgt. Im vergangenen Jahr besuchten deutsche Jugendliche unsere Partner von der Peace Academy, dieses Jahr sind zehn muslimische, orthodoxe und baptistische junge Menschen zum Gegenbesuch nach Berlin gekommen. Eine Woche prall gefülltes Programm wartet.

Mit den folgenden Tagebuchnotizen können Sie unsere Besucher aus Geogien virtuell durch Berlin folgen.

 

Sonnabend, 19. Oktober:

8:10 Uhr, Flughafen Tegel in Berlin: Es ist soweit. Zehn muslimische, orthodoxe und baptistische Jugendliche der "Peace Academy" und ihr Betreuerteam aus dem georgischen Tblissi kommen an. Große Wiedersehensfreude. Die meisten kennen sich bereits vom Besuch der deutschen Jugendgruppe vor eineinhalb Jahren in Tblissi. Eine Woche mit prallem Programm steht den muslimischen, orthodoxen und baptistischen Besuchern bevor, Tage, in denen sie das interreligiöse Leben in Berlin erforschen werden. Auf dem Plan steht außerdem das gemeinsame Ausarbeiten der "Young House of One Charta", einer Charta, welche die Bedürfnisse junger Menschen im House of One ins Auge fasst. Jetzt gehen die Teilnehmer erst einmal in ihre Quartiere, bevor es mittags zum Stadtspaziergang geht.

12 Uhr, Treffpunkt Marienkirche: Die gotische Bischofskirche am Alexanderplatz mit ihrer barocken Wagner-Orgel von 1723 und der umfangreichen Sammlung von Gemälden ist der Ausgangspunkt des Spaziergangs. Weitere Ziele sind das Denkmal in der Rosenstraße, das an den einwöchigen Protest der Frauen gegen die Verhaftung ihrer jüdischen Männer 1943 erinnert, und der Alte jüdische Friedhof in der Große Hamburger Straße, der älteste belegte Begräbnisplatz der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Die Besucher staunen über die Sauberkeit der Stadt sowie das Tempo in Berlin. Tblissi ist so anders.

 

Sonntag, 20. Oktober:

10:30 Uhr, Marienkirche: Die muslimischen, baptistischen und orthodoxen Teilnehmer nehmen am Gottesdienst in der Marienkirche teil. Pfarrer Eric Haußmann begrüßt die Gäste in der Gemeinde. Im Anschluss an den Gottesdienst lernen die Besucher einen Teil des sozialen Engagements der St.Petri-St.Mariengemeinde bei dem Besuch der Suppenküche kennen. Eine Teilnehmer kannte das auch aus der georgischen Stadt Gori, übrigens die Geburtsstadt Stalins, von der dortigen baptistischen Gemeinde. Seit dem Kaukasuskrieg zwischen Georgien und Russland im Jahr 2008 werden so regelmäßig rund 50 Menschen versorgt.

Anschließend geht es zur Bernauerstraße, wo es um die tragische Geschichte der Spaltung Berlins und Deutschland geht. Die georgischen Gäste zeigen sich beeindruckt von der Gedenkstätte und wie die Vergangenheit in dem heutigen Stadtbild sichtbar gehalten wird. Einen ähnlichen Umgang in ihrem eigenen Land, das mit Korruption und wirtschaftlicher Not zu kämpfen  hat, mit der oft schwierigen Geschichte würden sie sich auch wünschen.

 

 

Montag, 21. Oktober:

9 Uhr, Räume der Stiftung House of One: Die Arbeit beginnt. Thema ist die Architektur des Drei-Religionen-Hauses. In den kommenden Tagen wird sich die Gruppe mit verschiedenen sakralen Räumen beschäftigen, Unterschiede und Qualitäten herausarbeiten und diskutieren. Was wäre davon für das House of One denkbar? Wir sind gespannt.

13 Uhr, Bundestag: Ziel des Besuchs ist unter anderem der Andachtsraum im Reichstagsgebäude. Der Künstler Günther Uecker hat den Raum interkonfessionell konzipiert. Im Zentrum steht ein schlichter Quader aus sandgestrahltem Granit als Altar, Eine Kante im Boden zeigt an, wo Osten liegt und somit die Richtung nach Jerusalem und Mekka. Liturgische Gegenstände aus verschiedenen Religionen sind in einer Vitrine ausgestellt. Unerwartet finden sich in dem Gebäude auch andere Spuren. Unsere Besucher entdecken georgische Namen, in die Wände geritzt 1945 als die Rote Armee Berlin einnahm. Die Transparenz und Offenheit des Bundestages erzeugt eine Sehnsucht in der Gruppe nach einem ähnlichen Verständnis von bürgernaher Politik in Georgien. Immer wieder kommen Sorgen um die Zukunft Georgiens und um das Leben im eigenen Land unter den Besuchern zum Ausdruck.

15 Uhr, Kaiser Wilhelm Gedächtnis Kirche: Ein weiterer sakraler Raum, auf der Entdeckerreise durch das multireligiöse Berlin. Das Baudenkmal ist auch ein Ort, an dem die Wunden Berlins sichtbar gehalten werden. Die Turmruine ist ein beeindruckendes Mahnmal an die Schrecken des Krieges.

19.30 Uhr, Synagoge Sukkat Schalom: An diesem Abend feiert die jüdische Gemeinde Simchat Tora, das Fest der Torafreude, an dem das alteTorajahr endet und neue beginnt. Ein guter Grund fröhlich zu feiern. Gemeinsam mit Kantorin Esther Hirsch haben die georgischen Besucher zuvor das Wesen des jüdischen Gottesdienstes erforscht. Denn auch wenn nicht an jedem Schabbat alle Torarollen siebenmal durch die Synagoge getragen werden, so gehört die Lesung der Schrift zum wöchentlichen Gottesdienst dazu. Auch in den anderen monotheistischen Religionen gehört das Lesen der jeweiligen Schrift und gemeinsames Rezitieren von Gebeten und Versen dazu. "So vieles ist Tradition und nicht Religion", sagt Süleyman Bag vom House of One, "unsere Kleidung, unsere Melodien und Speisen zeigen, aus welcher Region wir kommen." So verbindet das Judentum und das Christentum die Heiligung von Wein und Brot, die Handlung an sich, doch die Bedeutung ist für die Christen eine andere. Durch den Besuch in der Synagoge konnten alle an diesem fröhlichen Feiertag teilhaben und den Kiddusch, die Segnung über den Wein in jüdischer Tradition miterleben. Die meisten Teilnehmer der deutsch-georgischen Gruppe erleben das Fest zum ersten Mal. In Georgien leben - optimistischen Schätzungen zufolge - noch rund 10.000 Juden.

 

 

Dienstag, 22. Oktober:

Morgens treffen wir uns bei Kaffee und Croissants in den Stiftungsräumen in der Friedrichsgracht. Die jungen Leute erzählen begeistert von ihren Eindrücken in der Synagoge. Auch Ilia, der baptistische Bischof, der die Gruppe begleitet und selbst seit über zwanzig Jahren im interreligiösen Dialog Georgiens engagiert ist, sagte, er habe sich wie Zuhause gefühlt. Die Gesänge, die gemeinsamen Rituale sowie die Beteiligung der gesamten Gemeinde erinnerte ihn an seine eigene Gemeinde in der Region nördlich von Tblissi. Kjell, einer der deutschen Teilnehmer, der seit kurzen Hebräisch im Rahmen seines Theologiestudiums an der Humboldt Universität in Berlin lernt, freute sich besonders darüber, dass er ein paar Worte im Gottesdienst verstanden hatte. Die Kontrollen der Polizei vor der Synagoge irritierten die Besucher, die die Durchsuchung als unangenehm bis unfreundlich empfanden. Umso herzlicher allerdings war der Empfang durch die jüdische Gemeinde, sobald die Sicherheitshürde genommen war.

Nach dem Austausch geht es an die Arbeit. Die Gruppe widmet sich der Geschichte des Petriplatzes, auf dem bis in die 1960er Jahre die erste Kirche Berlins stand. Überreste des mittelalterlichen Platzes begutachten die Teilnehmer anschließend im Foyer das Capri Hotels, wo durch ein archäologisches Fenster noch Fundamente der ursprünglichen Bebauung zu sehen sind. Die Geschichte Berlins, vor allem die Auswirkungen der Reformation auf die Gesellschaft der Region wird thematisch mit einem Besuch des Berliner Doms vertieft. Dass eine enangelische Kirche so prunkvoll ausgestattet ist, verwundert Imam Mirtagi. Der neoklassizistische Bau war für Kaiser Wilhelm II. nicht zuletzt Mittel zur Demonstration der eigenen Macht.

Tief beeindruckt hat das Denkmal für die ermordeten Juden Europas die jungen Menschen, auch weil Denkmäler in Georgien wie auch in anderen Ländern vor allem errichtet werden, um Siege und andere Großtaten hervorzuheben, nicht das Versagen. Jede und jeder erkundet die Gänge zwischen den Betonblöcken auf eigene Faust. "Mittendrin beginnt man die Ausweglosigkeit zu spüren, ein erdrückendes Gefühl und auch die Tragik dieser Vergangenheit", sagt Zaza, Muslim und Student aus Tblissi, der für die Peace Academy in Tblissi als Jugenleiter auch multireligiöse Jugendcamps leitet. Andere Teilnehmer ärgerten sich über Touristen, die auf den Quadern sitzen, plaudern und lachen.

Am Abend besuchen die jungen Georgier das Forum Dialog, um die Arbeit des muslimischen Gründungsmitglieds des House of One kennenzulernen. Forum Dialog ist eine seit 2008 bundesweit aktive Initiative, die sich für ein friedliches Miteinander in Deutschland einsetzt. Kübra Dalkilic sowie Safiyye Arslan stellen den Besuchern die inhaltlichen Schwerpunkte der Arbeit vor und aktuelle Projekte. Die Reihe "Enthemmte Mitte 2" etwa setzt sich mit Islamfeindlichkeit sowie Antisemitismus unter Muslimen auseinander. Die Jugendlichen waren sehr interessiert. Bischof Ilia sagt: "Zuerst sind wir alle Menschen und dann erst Türke, Deutscher, Georgier, Ingenieur oder Lehrer. Und dann erst Muslim oder Christ. Der Mensch steht vor der Religion."

 

Mittwoch, 24. Oktober:

Während des morgendlichen Besuchs der Parochialkirche stoßen die Georgier einmal mehr auf Spuren des Zweiten Weltkrieges in Berlin. Das Thema Krieg spielt auch in den Gesprächen zwischen den deutschen und georgischen Teilnehmern immer wieder wichtige Rolle – mit Blick auf die Zukunft in Europa, aber auch auf die unterschiedlichen kriegerischen Auseinandersetzungen, die Russland mit früheren Sowjetrepubliken wie auch Georgien geführt hat oder in anderen noch führt.

Im Kirchenforum des Kirchenkreises Berlin Mitte Nord treffen sich die Teilnehmenden mit Süleyman Bag, Stiftungsratsmitglied im House of One und Esther Hirsch, Theologische Referentin. Der Rückblick auf den Gottesdienst zu Simchat Thora in der Synagoge Sukkat Schalom am Montag steht im Zentrum der Betrachtung: Welche Bedeutung kommt den einzelnen Elementen zu? Die Teilnehmenden berichten von ihren Erfahrungen und Erlebnissen. „Es war wie zu Hause sein“, beschreibt Bischof Ilia sein Gefühl der Geborgenheit in dem jüdischen Gottesdienst. Was macht eigentlich die einzelnen abrahamitischen Religionen aus, was eint sie und was unterscheidet sie? Mit diesen Fragen im Kopf beschäftigt sich die Gruppe eingehender mit den heiligen Schriften und deren Bedeutung für die Religionen. Es sind Fragen, wie sie uns auch im House of One immer wieder beschäftigen.

Am Nachmittag geht es in den Wedding, wieder ein für die Besucher neuer Stadtteil von Berlin. Ganz anders in seiner kulturellen und religiösen Zusammensetzung und Durchdringung als das Zentrum der STadt. Die Teilnehmenden besuchen den Bildungsträger EVENTUS, wo sie mehr über die Herausforderungen pädagogischer Arbeit in einer multikulturellen und multireligiösen Umgebung erfahren. Intensive Stunden mit vielen Fragen und neuen Eindrücken.

In der Kultur Akademie steht abends das Eröffnungskonzert des 5. Internationalen Chorfestivals ChorInt. auf dem Programm. Ausgerichtet und initiiert durch die Kirchengemeinde St. Petri – St. Marien hat das Festival in diesem Jahr die Grundsteinlegung des House of One zum Thema und nimmt somit auch die interreligiöse Begegnung in den Fokus. An vier Tagen bestimmt Musik aus den verschiedenen Religionen an den Orten der jeweiligen Religionen das Programm. Dieser Abend wird gestaltet von dem Musiker Metin Haboğlu und dem Koranrezitator Arhan Kardaş. Beeindruckende Musik im Kontext von Gebet und Mediation, zwischen Vergangenheit und Moderne. Den Schluss bildet ein multireligiöses Gebet.

Ein langer Tag entlässt die jungen Menschen aus Georgien und Deutschland erfüllt in die Berliner Nacht.

 

Donnerstag, 23. Oktober:

Heute wollen wir mehr über die Geschichte der Kirche erfahren. Also macht sich die Gruppe auf nach Wittenberg zu Martin Luthers Wirkungsstätte. Auf dem Weg vom Bahnhof zum Lutherhaus staunen die Georgier über das prächtige Wohnhaus Luthers. Vor der Reformation war es ein Kloster der Augustiner-Eremiten und Luther selbst dort Mönch. Anfang des 16. Jahrhunderts übereignete der sächsische Kurfürst dem Reformator das Gebäude, wor Luther dann mit seiner Familie ab 1508 lebte.

Anhand der in der Dauerausstellung gezeigten Artefakte erzählt Kristin Bohner vom House of One von den Umbrüchen der damaligen Gesellschaft: eine Truhe für das gesammelte Ablassgeld, Waffen aus den Bauernaufständen, Gemälde und Drucke von Cranach vor und nach der Reformation. Mate, selbst Baptist und Kunststudent in Tblissi, fällt ein Buch besonders ins Auge: ein Koran mit einem Vorwort von Luther. Alexander bleibt ein Spruch Luthers, den der Reformator 1517 gesagt haben soll, besonders hängen: "Wo Christus ist, geht er allzeit wider den Strom." Das sei doch ein Leitsatz für Gläubige auch heute, findet der Baptist, der gemeinsam mit anderen Teilnehmern die Jugendbewegung Civic Hall gegen die wachsende Intoleranz in Georgien ins Leben gerufen hat. Ein Christ solle, findet Alexander, gegen den Strom schwimmen, etwa sich nicht kümmern um verbreitete Meinungen über Minderheiten oder andere Religionen.

Dass auch Luther nicht unumstritten ist, wird Thema als der Gruppe das mittelalterliche Schmäh-Relief "Judensau" aus dem Jahr 1280 an der Stadtkirche gezeigt wird. 1570 wurde das Sandsteinrelief an den heutigen Standort versetzt und mit der Inschrift "Rabini Schem HaMphoras" ergänzt. Die Worte verweisen auf ein Buch Luthers "Vom Schem Hamphoras", in dem er Juden mit dem Teufel gleichsetzt und diffamiert. Eine Klage mit dem Ziel, die antisemitische Plastik zu entfernen, scheiterte im Mai dieses Jahres.

Das Mahnmal für die Toten der Shoa bildet da auch kein vergleichbares Gegengewicht. Seit November 1988 ist unterhalb der mittelalterlichen Darstellung ein Relief des Bildhauers Wieland Schmiedel in den Boden eingelassen worden, das an die Shoa erinnert. Es soll Christinnen und Christen ermahnen, nie wieder "unter dem Kreuz" solche Gräuel zuzulassen. Angesichts dieser bis heute zu Auseinandersetzungen führenden mittelalterlichen Darstellung an der Kirchenwand, hebt der mitreisende Imam, Scheich Seyed Mirtagi Asadov, die Bedeutung von auf Begegnung und Toleranz zielenden Initiativen wie dem House of One als Hoffnungszeichen hervor: "Im House of One übernehmen Juden, Christen und Muslime gemeinsam Verantwortung für die Vergangenheit Deutschlands und damit beugen sie auch einer Wiederholung vor." Asadov arbeitet als schiitischer Imam in Marneuli, einer Stadt im Süden Georgiens nahe der Grenze zu Aserbaidschan.

Angeregt durch die Geschichte der Thesen, die Martin Luther der Legende nach 1517 an die Tür der Schlosskirche genagelt haben soll, ensteht eine lebhafte Diskussion. Was wären die Forderungen, welche die Teilnehmer des Jugendaustauschs heute an ihre Gemeinde oder ihre Regierung stellen würden. Mehr Rechte für Minderheiten, war ein Punkt, auf den sich die jungen Menschen aus Georgien wie aus Deutschland einigen konnten. Mehr soziale Gerechtigkeit sowie staatlich geförderte soziale Arbeit rangierte ebenfalls weit oben.

Sein Ende findet der Besuch auf dem Platz, auf dem 2017 - zum Lutherjahr - der Pavillon des House of One stand. In dem provisorischen Gebäude wurde während der viermonatigen "Weltausstellung" unter anderem ein Pfingstgottesdienst, das muslimische Fest Id al Fitr sowie das jüdische Kabbalat Schabbat gefeiert.

 

Freitag, 24. Oktober:

Wir haben uns in einem Neuköllner Café im Schillerkiez verabredet. Die Sonne scheint als die Teilnehmer von ihren Unterkünften in den verschiedenen Ecken Berlins ankommen.

Es wird viel geplaudert und gelacht. Die Gruppe ist in den vergangenen Tagen miteinander vertraut geworden, Freundschaften entwickeln sich. Eine muslimische und christliche Teilnehmerin teilen sich ein Quartier und sind sich so sehr nah gekommen. Begegnungen, die auch darüber hinaus die Wahrnehmung verändern. Was sind unsere gemeinsamen Traditionen, die uns tragen, statt uns zu trennen? Gelebter Dialog im besten Sinne.

Auf dem Plan steht ein Besuch in der Neuköllner Begegnungsstätte NBS e.V., die zugleich die Dar-as-Salam-Moschee beherbergt. Wir haben eine Verabredung mit Imam Mohamed Taha Sabri. Imam Sabri erzählt von der Moschee, die vorher eine neuapostolische Kirche gewesen war. Welche Rolle spielt das für ihn, wird Imam Sabri gefragt. Die Fortführung des Glaubens an diesem Ort – einstmals Kirche, jetzt Moschee – sieht Sabri als ein Symbol für die Kontinuität an dem Ort, eine Fortführung der Tradition. Noch immer wird in dem Gebäude zu Gott gebetet, nur sind es jetzt Menschen anderen Glaubens.

Im Gespräch kommen die Teilnehmenden auch auf die Angst des Einzelnen in der Gesellschaft, wenn von der christlichen Mehrheit Ablehnung spürbar wird, man sich als Fremder fühlt. Das ist in Georgien nicht anders als in Deutschland. Sabri sagt, die Gläubigen in seiner Moschee halte er zu Offenheit an. Man müsse über seinen Schatten springen. Manchmal hinge die gefühlte Ablehnung nur damit zusammen, dass man sich zu wenig kenne und nicht ursächlich mit Religion, Sprache oder Kultur. Nur durch Gespräche und Begegnung entsteht Wahrheit, sagt Sabri. Das sei die Grundvoraussetzung für ein friedliches Zusammenleben.

Die Zeit verfliegt, das Freitagsgebet rückt näher. Die Frauen werden in andere Räume für das Gebet geführt. Für die Musliminnen und Muslime aus Georgien ist das befremdlich, ja unangenehm. In Georgien beten Frauen und Männer gemeinsam und feiern auch so die Gottesdienste.

Zurück in den Räumen des House of One lässt die Gruppe den Tag Revue passieren. Es gibt viele Fragen und immer wieder den vergleichenden Blick nach Georgien. So erfahren die deutschen Teilnehmenden von einer neuen Jugendbewegung „Civic Hall“, die kulturelle Angebote in die verschiedenen Regionen des Landes zu bringen, um dem Gefühl des Abgehängtseins vieler Menschen zu begegnen und ihnen ein Gefühl der Teilhabe zu vermitteln. Ideen für gemeinsame Projekte entstehen, Pläne werden geschmiedet.

 

Samstag, 25. Oktober:

Der Arbeitsteil des Jugendaustausches ist vorbei. Heute steht die Zeit zur freien Verfügung. Die nutzen die Teilnehmer nicht etwa zum Shoppen, sondern sie treffen sich auf der Museumsinsel. Der Umgang mit Geschichte - von den Wandzeichnungen im Bundestag, über Einschusslöcher in Mauern bis hin zu den Orten wie der Holocaust-Gedenkstätte oder Mauerfallgedenkstätte Bernauer Straße - für die Georgierinnen und Georgier ist dieser selbstkritische Umgang mit der eigenen Vergangenheit ein Novum. Das würden sich die Besucher ihren Worten nach auch für ihr Land wünschen.

Am Nachmittag krönt der Besuch des Abschlusskonzertes des 5. Internationalen Chormusikfestivals ChorInt. in der St. Marienkirche die Woche. Im Auftrag des House of One haben der Librettist Christian Lehnert und der Komponist Saad Thamir sich der Ringparabel aus Lessings "Nathan der Weise" angenommen. Daraus sind die Oratorischen Szen  „In wüstem Land ohne Weg“ entstanden, die an diesem Tag uraufgeführt werden.

Beim spätabendlichen Schlendern durch das historische Nikolaiviertel werden noch einmal - trotz sprachlicher Barrieren, die mit elektronischer Unterstützung überwunden werden - Eindrücke und Anekdoten ausgetauscht bis sich alle auf den Heimweg machen.

 

Sonntag, 26. Oktober:

Den offizielle Abschluss des Jugendaustauschs bildet der multireligiöse Festgottesdienst in der St. Marienkirche am Morgen, in den auch der Baptist Bischof Ilia Osephashvili sowie der Schiit Scheich Mirtagi Asadov eingebunden werden.

"Young Ambassadors of interreligious Dialogue" steht auf den Urkunden, welche die jungen Frauen und Männer aus Deutschland und Georgien zum Ende des Austauschs in den Händen halten. Damit verbunden ist die Idee, den Gedanken des Dialogs, des Miteinanders nicht nur mitzunehmen, sondern in der jeweiligen Heimat weiterzutragen.

Am späten Nachmittag startet der Flug, über Riga geht es nach Tbilisi. Die miteinander verbrachte Zeit hat uns näher gebracht, wir haben voneinander gelernt, Neues entdeckt. Und wir haben Freunde gefunden.

Didi madlowa - vielen Dank!

 

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