Freitag, 19. Juli 2019

"Zum Gespräch bereit"

Johann Evangelist Hafner ist neues Mitglied des Stiftungsrats des House of One. Der Katholik ist einstimmig berufen und übernimmt den Sitz von Dirk Pilz, der im November vergangenen Jahres verstorben war. Der 56-Jährige Hafner hat Theologie und Philosophie in Augsburg, München sowie in den Philippinen studiert und seit 2004 eine Professur für Religionswissenschaft an der Universität Potsdam inne. Zudem ist er seit 2005 als geweihter Diakon im Erzbistum Berlin tätig.

 

Herr Hafner, wie kommen Sie als Katholik zu dem Vornamen Evangelist?

Ja, das ist verwirrend. Viele denken, ich bin ein Missionar oder komme aus der evangelikalen Richtung. Dabei hängt das nur mit einer vor allem nur noch in Bayern praktizierten Tradition zusammen, den Patron zu spezifizieren, auf dessen Namen man getauft wird. Neben Johann Baptist gibt es noch den Johann Evangelist.

 

Wieso braucht es in unserer Gesellschaft eine Friedensinitiative wie das House of One, für das Sie sich engagieren?

Der Trend geht in Mitteleuropa zur religionslosen oder religionsarmen Gesellschaft. Viele Kirchen und Gotteshäuser, vor allem in kleinen Orten, werden aufgegeben. Da ist es wichtig, ein Signal zu setzen, dass sich Gemeinden interreligiös und interkonfessionell bündeln können und auf diese Weise die Gegenwart des religiösen in der säkularen Umwelt weiter sichtbar machen.

 

Von Religionen ist häufig negativ und in Extremen die Rede. Wie sehen Sie vor diesem Hintergrund die Rolle des House of One?

Im House of One engagieren sich naturgemäß nicht die auf Abschottung bedachten Flügel der verschiedenen Religionen. Es ist und kann noch viel stärker ein Kristallisationspunkt für diejenigen Strömungen sein, die zum Gespräch bereit sind und auf dem Boden der Rechtstaatlichkeit glauben und leben.

 

Inwiefern?

Die deutsche Öffentlichkeit hat im Grunde erst im vergangenen Jahrzehnt gelernt, dass es nicht nur DEN Islam gibt, sondern verschiedene sunnitische Richtungen, außerdem Schiiten und andere umfasst. Das ist ein großer Lernerfolg. Heute weiß fast jeder, dass es im Islam ein ähnlich großes Spektrum innerhalb der Religion gibt wie im Christentum oder im Judentum. Gleichzeitig mussten wir – nicht nur in Deutschland - lernen, dass extreme Flügel und Aussagen größte Aufmerksamkeit erfahren, weil sie vermeintlich eine reine Lehre darstellen. Dem setzt das House of One etwas entgegen, indem es die gesprächsbereiten Vertreter der Religionen sichtbarer macht.

 

Sie selbst scheinen weltoffen und neugierig. Immerhin hat Sie ihr Studium bis in die Philippinen verschlagen…

Ich war damals im Priesterseminar. Das habe ich abgebrochen und ging für ein Jahr als Missionar auf Zeit für den Steyler Orden nach Philippinen. In dieser Zeit lernte ich übrigens auch Luis Antonio Tagle kennen, damals Leiter eines Priesterseminars und heute Kardinal von Manila. Wir lieben beide Musik, er singt gut und ich spiele Geige. Damals haben wir sogar eine Kassette mit Liedern aufgenommen. Das verbindet bis heute.

 

An was arbeiten Sie aktuell?

Ich habe gerade ein 850-seitiges Buch über „Glaube in Potsdam“ (Ergon Verlag) veröffentlicht, eine Gesamtschau aller Religionsgemeinschaften und Initiativen in der brandenburgischen Landeshauptstadt. Jetzt arbeite ich an einer Studie über die muslimischen Gemeinden in Brandenburg, inklusive einer Auflistung und Untersuchung aller Moschee- und Gebetsräume. Wie berlinnah oder –fern sind die Gemeinden? Sind es Einheitsgemeinden oder differenzieren sie sich nach Herkunftsländern, wie etwa die Tschetschenen? Und natürlich geht es auch um die Frage, wie stark ist überhaupt die religiöse Aktivität der Muslime. Ist jeder, der sich als Muslim bekennt zu Ramadan oder zum Freitagsgebet präsent? Den Säkularisierungsgrad unter Muslimen kennt keiner, sie werden über einen Kamm geschoren. Daran können wir mit dieser Arbeit vielleicht etwas ändern.