Friday, June 19, 2020

Das Kreuz auf dem Humboldtforum

Kreuz Humboldt Forum Berlin Hohenzollern

Dass das große Humboldtforum und das benachbarte kleine House of One mit ihren dialogischen Grundideen einer Verständigung zwischen Kulturen auf der einen bzw. Religionen auf der anderen Seite zwei Projekte im Herzen Berlins sind, die es thematisch zusammenzudenken lohnt, ist nicht neu. Kultur und Religion, Religionen und Kulturen sind auf so komplexe Weise verwoben, dass eine strikte Aufteilung auf zwei Häuser – hier Dialog der Kulturen, dort Dialog der Religionen – gar nicht funktionieren kann, weil es inhaltlich unsinnig wäre.



So trivial dieser Ausgangspunkt ist, so interessant wird es beim nächsten Schritt: Denn zu fragen ist sofort, wie ein Dialog der Kulturen mit den Religion(en) umgeht und die Religionen ihrerseits mit der Kultur. Dass es hier zu sehr überraschenden Konstellationen kommen kann, zeigt die Errichtung des Kreuzes auf der Kuppel des Humboldtforums.

Fand hier eine Verwechslung statt?



Auf dem Humboldtforum, dem „neuen Forum für Kultur und Wissenschaft“ als „Raum für Vielstimmigkeit, Austausch und Diversität“[1] prangt nun in gut 60 Metern Höhe das goldene Kreuz, ergänzt durch das von Friedrich Wilhelm IV. zusammengestellte Spruchband aus zwei Versen der biblischen Apostelgeschichte und des Philipperbriefes: „Es ist in keinem andern Heil, ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, denn in dem Namen Jesu, zur Ehre Gottes des Vaters. Dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind.“. Kreuz und Heilsspruch also auf dem Museum….

 

Neutrales Gotteshaus - religiöses Museum



Und auf dem House of One, dem zu errichtenden Sakralbau? Nichts. Wer sich dem Gebäude nach seiner Fertigstellung künftig nähern wird, wird weder ein Kreuz, noch einen Davidsstern oder einen Halbmond finden – im äußeren also ein Ort ohne jede religiöse Symbolik.



Das Gotteshaus somit religiös neutral und das Museum überstrahlt von religiöser Symbolik: lässt sich dieser ‚Tausch‘ erklären?

Anzusetzen gilt es beim Humboldtforum mit der Intention, sich konsequent auf den Ort, auf das ‚Lokale‘, einzulassen und die Geschichte des Ortes, angefangen vom Schloss, über die Berlin-Brandenburgische Kunstkammer als „Keimzelle der Berliner Museen“[2] bis hin zum Palast der Republik fortzuschreiben und ihr eine neue gegenwartsbezogene ‚Schicht‘ hinzuzufügen. Vollzogen wurde diese Rückbindung an den Ort durch die Entscheidung zur Rekonstruktion des Berliner Schlosses. Die Rekonstruktion des Kreuzes und des Spruchbandes folgt dieser Prämisse, im Hinblick auf die nur auf der Ostseite eine - begründbare - Modifikation des historischen Bezugsrahmens vorgenommen wird.[3]

 

Die Entscheidung für die Rekonstruktion des Barockschlosses mit seiner mit dem Bau verbundenen politischen und religiösen Ikonographie zog sodann für die „Stiftung Humboldtforum im Berliner Schloss“ in besonderer Notwendigkeit die Aufgabe nach sich, ein Miteinander von Humboldtforum und Berliner Schloss zu bestimmen, ohne dass dem Projekt jegliche Kohärenz fehlen würde. Argumentativ vollzieht sich das auf verschiedenen Ebenen:



In konzeptioneller Hinsicht muss deutlich gemacht werden, dass die Ikonographie und Symbolik des Schlosses die Grundidee des Humboldtforums als eines „Raum[s] für Vielstimmigkeit, Austausch und Diversität“ nicht aushöhlt. Die Dynamik der Architektur, verbunden mit der ihr eigenen Symbolkraft, muss demnach so in einer Balance zu der Grundmelodie des Projekts gehalten werden, dass sie diese nicht zu konterkarieren beginnt.

 

Ein Verdikt gegen Toleranz und Pluralismus



Inhaltlich ist das von alles entscheidender Bedeutung: „Es darf nicht passieren, dass an einem Ort der Kultur und Wissenschaft, des Austauschs und der Diversität aus diesen Symbolen wieder Machtstrukturen in unterschiedlichen kulturellen und politischen Szenarien abgeleitet werden. Deshalb werden inhaltliche Ausrichtung sowie programmatische Strukturen des Humboldt Forums ein hohes Maß an Diversität und Multiperspektivität aufweisen müssen. Das kann durch ein klares Statement zu globalen, kooperativen, Deutungshoheiten teilenden Ausstellungen und Programmen ebenso geschehen wie durch künstlerische Interventionen und Präsentationen. In diesem Rahmen wird die Rekonstruktion des Schlosses mit all seiner Symbolik – dazu gehören besonders deutlich Kuppel und Kreuz – ein konstanter Reibungspunkt sein und als solcher fruchtbar gemacht werden.“[4]



Der zu beschreitende Weg ist eine konsequente Historisierung von Architektur, Ikonographie und Symbolik. Zu den zentralen Aufgaben für die Programmatik des Humboldtforums werden folglich „Transparenz, Kontextualisierung und Vermittlung.“ Zu entwickeln sind „geeignete Mittel und Ansätze, um die historisch entstandenen Aussagen der Kuppel und der Fassade einzuordnen – mit Publikationen, digitalen Formaten und speziellen Angeboten zur Geschichte des Ortes.“[5]

Als historisierte Zeugnisse sind dann auch das Kreuz und das Spruchband zu behandeln: zum einen nicht in ihrem religiösen Kontext, sondern zunächst eher theologiegeschichtlich[6], oder zum anderen als ergänzungswürdige bzw. -bedürftige Symbole, die einer (künstlerischen) Intervention bedürfen: „Machen wir doch etwas Besonderes mit dem Kreuz! Wie wäre es, wenn es nicht permanent da wäre und wir die Kuppel zeitweilig einer anderen Religion anböten?“[7]

 

 

 

 

 

 

Ob diese in den Blick genommenen Wege in dem Spektrum zwischen Vermittlung und Intervention zu einer programmatisch überzeugenden Balance des „Humboldtforums im Berliner Schloss“ führen werden, ist die große Herausforderung, der sich die Gemeinschaft der Nutzer bleibend zu stellen hat. Man darf sehr gespannt sein.

Dass es Skeptiker gibt, auch beim House of One, die befürchten, die Schlosssymbolik – insbesondere Kreuz und Spruchband - werde trotz aller Bemühungen nicht fruchtbarer Reibungspunkt sein, sondern in ihrer golden-repräsentativen Dominanz ein Verdikt gegen Toleranz und Pluralismus bleiben, gilt es – im Sinne einer ständigen Mahnung - ernst zu nehmen.[8] Erste Einschätzungen und Urteile werden mit der Eröffnung des Humboldtforums möglich sein.

 

House of One mit Kreuz, Davidstern und Halbmond?

 

Wäre es aber, aus Sicht des House of One, eine gute Lösung, dem Kreuz einen Davidsstern oder einen Halbmond beizuordnen? Spiegelte sich die plurale Gesellschaft damit besser wider und wäre nun alles gut?



So einfach liegen die Dinge nicht – und es ist eben alles andere als ein Zufall, dass sich am House of One diese Symbole nicht finden. Für sich genommen und im gewöhnlichen Gebrauch sind nämlich Davidsstern, Kreuz und Halbmond bloße Zeichen mit unterschiedlichen Entstehungshintergründen und politischen Kontextualisierungen, die nur zu oft in plakative Zuschreibungen von vermeintlich festen Gruppenzugehörigkeiten münden und dabei die weiter zunehmende Pluralität in den Religionen nicht abbilden. Religiöse Symbole stehen damit in der Gefahr, einengend zu werden.[9]

 

Hinzu kommt, dass es gerade im religiösen Kontext von Bedeutung ist, im Verständnis von Symbolen zu unterscheiden zwischen Realsymbolen und Vertretungssymbolen. Während Realsymbole als Zeichen bzw. Handlungen zu verstehen sind, bei denen sich das Symbol im Vollzug ereignet – etwa der Vertragsschluss durch den Handschlag - , sind Vertretungssymbole informierende Zeichen, die, wie z. B. ein Verkehrszeichen, auf etwas hinweisen, das sie selbst nicht sind. Für das Selbstverständnis von Religionen und ihre rituellen Vollzüge sind die Realsymbole von entscheidender Bedeutung, Symbole also, die zunächst und vorrangig Handlungen sind und nicht Objekte. Taufe und Abendmahl sind nach christlichem Verständnis solche Realsymbole, genauso wie die Rezitation des Koran in der Gemeinschaft der Muslime[10] oder die Toralesung im Schabbatmorgengottesdienst als „Vorgeschmack auf die erlöste Welt in messianischen Zeiten“[11]. In diesen Handlungen ereignet sich das Symbolische und alle Vertretungssymbole als informierende Zeichen (z. B. Kreuz oder Kalligraphie als Kunstobjekte) haben im religiösen Bereich nur „Leben“ in ihrem Bezug auf Realsymbole; ohne sie sind sie leer, während umgekehrt die Realsymbole Bestand haben ohne Vertretungssymbole.



In diesem Sinne sind dem House of One die Realsymbole so wichtig, die sich als Handlungen in den Sakralräumen ereignen. Und es ist demgemäß sinnvoll, dass sich auch Vertretungssymbole im direkten Bezug auf die Realsymbole (nur) in den Sakralräumen befinden werden.

In einem interreligiösen Sinne kann dann auch die Entstehung des House of One als gemeinsames Symbolhandeln (Realsymbol) verstanden werden, dessen Vertretungssymbol (sichtbares Zeichen) das Gebäude sein wird.

 

Herrschersymbolik der Hohenzollern

 

Diese Zuordnung von Real- und Vertretungssymbol ist beim Humboldtforum eine andere – und das bezeichnet die Differenz zwischen beiden Projekten:

Mindestens ein Großteil der baugebundenen Symbole und Objekte sind Vertretungssymbole. Das betrifft die ornamentale Herrschersymbolik der Hohenzollern ebenso wie das Kreuz und das Spruchband. Im Sinne des oben benannten Miteinanders von Humboldtforum und Berliner Schloss dürfen diese Symbole nichts anderes sein als Vertretungssymbole. „Alle Symbole verstehen wir als bauhistorische Zitate, mit denen wir keinerlei inhaltliche oder gar programmatische Aussage für unsere gemeinsame Arbeit im Humboldt Forum verbinden.“[12]

Das Kreuz auf der Kuppel, aber auch die vielen religiösen Objekte in der künftigen Ausstellung sind entkontextualisierte Verweisungssymbole, denen der Verweis auf die Realsymbolik fehlt, weil niemand im Humboldtforum religiöse Riten aus Europa, Afrika oder Ozeanien feiern wird.

Deshalb spielt der Vermittlungsgedanke jenseits der „direkten“ Realsymbolik eine so große Rolle, der Versuch einer indirekten Neu-Kontextualisierung, der in einer Multiperspektivität dann vielleicht so etwas wie das Realsymbol eines gelingenden „Dialogs der Kulturen“ entstehen lässt.



Damit ergibt sich in einer groben Schematisierung eine gegenläufige Zuordnung hinsichtlich religiöser Symbolik: Beim House of One erfolgt die Bewegung von den gelebten Realsymbolen zu den gegenständlichen Verweisungssymbolen, während sie beim Humboldtforum von den Verweisungssymbolen auf das (eine) Realsymbol zielt. Bei der ersten (House of One)-Bewegung ist die Verbindung zwischen Real- und Vertretungssymbol unmittelbar und direkt, während sie beim der zweiten (Humboldtforum) mittelbar und indirekt ist. Beim House of One gebiert das Realsymbol das Vertretungssymbol, das Bedeutung gewinnt nur durch das Realsymbol; beim Humboldtforum evozieren die Vertretungssymbole durch indirekte (zunächst historische) Re-Kontextualisierunegn das eine Realsymbol eines Verständnis schaffenden Dialogs der Kulturen.

 

Ein Kreuz, dem Missbrauch ausgeliefert

 

Wenn wir also von Seiten der Stiftung House of One – Bet- und Lehrhaus Berlin gefragt würden, ob wir auf oder am House of One die religiösen Symbole anbringen sollten, würde ich sagen: „Nein, von innen heraus, aus dem symbolischen Handeln in den Sakralräumen, muss die Kraft wachsen, damit Vertretungssymbole von daher eine neue Schönheit, Würde und Plausibilität gewinnen. Ohne diese Kraft von innen sind die religiösen Symbole nutzlos und es ist die große Aufgabe für das House of One, diese Kraft zu entfachen.“



Wenn wir umgekehrt gefragt würden, wie wir das Kreuz auf dem Humboldtforum finden, würde ich sagen: „Dazu gibt es von Seiten des House of One mindestens vier Antworten, eine jüdische, eine christliche, eine muslimische und eine ganz unreligiöse. Nur in dieser Multiperspektivität ist das House of One zu haben. Eine christliche Antwort aber könnte sein, dass ein Kreuz auf einem Museum nichts ist; beinahe gefährlich, weil es kein gelebtes religiöses Leben als Pendant hat und im Grunde leer ist, schutzlos seiner Instrumentalisierung oder gar seinem Missbrauch ausgeliefert. Und gefährlich folglich dann gerade deshalb, weil aus Sicht der Religionen eine solche Verlagerung ihrer Symbole in Museen ein Anzeichen ihres Ablebens ist.“

 

Autor: Roland Stolte, Stiftung House of One

 

[1] So die Charakterisierung auf der Webseite der Stiftung Humboldtforum im Berliner Schloss

[2] Gesine Bahr, "Kunstkammer revisited: Die Keimzelle der Berliner Museen im 21. Jahrhundert", Webseite Staatliche Museen zu Berlin

[3] Diese Struktur des Ausgehens vom besonderen Ort, die aus der konkreten Konzentration Relevanz über dieses Lokale hinaus entbindet, findet sich auch beim House of One mit seiner Fortschreibung der Geschichte des Petriplatzes mit den Petrikirchen. Anders als beim Humboldtforum versucht das House of One aber, die Bezüge zu den Petrikirchen und zu der Geschichte des Platzes mit einer neuartigen Architekturtypologie zu verbinden.

[4] Lars Christian Koch, "Hinter feudalen Fassaden"

[5] Hartmut Dorgerloh, "Mehrdeutigkeit ist unsere DNA", Magazin des Humboldt Forum

[6] So Christoph Markschies, im Magazin des Humboldt Forum:
„Die Laientheologie des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV., die in der Kuppel Mitte des 19. Jahrhunderts ihren Ausdruck als bedeutendes Kunstwerk findet, analysiere ich als evangelischer Theologe unserer Tage wie viele andere Zeugnisse der Christentumsgeschichte mit erheblicher Distanz. Aber ich denke, dass der Streit um das Kreuz über der Stadt wie viele andere Auseinandersetzungen um das Humboldt Forum Katalysator notwendiger Debatten unserer Gesellschaft sein kann, in diesem Fall über die Rolle von Religion. Insofern freue ich mich über das Kreuz auf der Kuppel.”

[7] Paul Spies, "Hinter feudalen Fassaden", Magazin des Humboldt Forum

Es folgt dann noch eine weitere Anregung unter Aufnahme der gängigen religiösen Symbolik:
„Auf den Ausstellungsflächen der Berlin Ausstellung setzen wir uns auch mit Berlin als Freiraum und als Raum der Unfreiheit für Religionsausübung auseinander. Ein Film zum Thema „Glaube“ zeigt zum Beispiel drei Berlinerinnen christlicher, muslimische und jüdischer Herkunft, im Gespräch über Demokratie und Toleranz im Kontext von Glaubensfreiheit in Berlin. Zusammen entwickelten sie eine Alternative, wie die Kuppel des Humboldt Forums auch bekrönt werden könnte: Menora, Halbmond und Kreuz in einer Figur vereint! Das Modell dafür wird in unserer Ausstellung zu sehen sein.

Genau über solche Ansätze können wir dem Anspruch des Hauses, ein Forum zu sein, mit Inhalt füllen und das Gespräch weit über unsere Ausstellung hinaus fortführen.“

[8] Andreas Nachama (House of One), "Mit dem Kreuz gegen religiöse Vielfalt" , Kommentar in der Jüdischen Allgemeinen


[9] Esther Hirsch (House of One), "Die Wahrheit der Anderen", Essay im Magazin des Humboldt Forum

[10] Diese Bedeutung des Vollzugs der Koran-Rezitation hat besonders eindrücklich Navid Kermani verdeutlicht, siehe Navid Kermani, Gott ist schön. Das ästhetische Erleben des Koran, München 1999

[11] Rabbiner Andreas Nachama, Rabbiner Walter Homolka, Hartmut Bomhoff, Basiswissen Judentum, Freiburg 2015, S. 166

[12] Hartmut Dorgerloh, "Mehrdeutigkeit ist unsere DNA"