01/20/2015

Das House of One und der „Fall Hoff“

Roland Stolte © Klemens Renner
Roland Stolte
Director of Concept

In der letzten, 1964 abgerissenen Petrikirche, auf deren Fundamenten das House of One errichtet werden wird, amtierte 1936-45 der Propst Walter Hoff, einer der fanatischsten Verfechter des Nationalsozialismus in der Berliner Pfarrerschaft. Seit 1941 an der Ostfront im Einsatz, rühmte sich Hoff in einem Schreiben an einen Kollegen im Berliner Konsistorium, dass er „in Sowjetrussland eine erhebliche Anzahl von Juden, nämlich viele Hunderte, habe liquidieren helfen.“ Bis heute ist nicht ganz klar, warum sich Hoff angesichts solcher Äußerungen nach dem Ende des Krieges nicht strafrechtlich verantworten musste und von kirchlicher Seite lediglich ein Disziplinarverfahren hinsichtlich seiner Amtsführung in die Wege geleitet wurde.

In der historischen Aufarbeitung dieser und ähnlicher kirchlicher Vorgänge aus der Zeit des Nationalsozialismus hat sich Prof. Gailus von der Technischen Universität Berlin große Verdienste erworben - zumal die schmalen Quellenbestände aufwändige Recherchen bedingen. Auch im Fall von Walter Hoff ist das so, da fast die gesamten Archivalien der damaligen Petrigemeinde in den letzten Kriegstagen im Turm der Petrikirche verbrannten. Bereits seit 2012 sind wir über den Fall Hoff mit Prof. Gailus im Gespräch. Eine Veranstaltung, die Prof. Gailus im Frühjahr 2013 dazu in der Evangelischen Kirchengemeinde St. Petri-St. Marien hielt, ist auf der Homepage der Gemeinde dokumentiert (www.marienkirche-berlin.de > Glaube > Gemeindegeschichte)

Der Grundgedanke und Kern des House of One besteht gerade darin, ihn am mittelalterlichen Gründungsort Berlins, präzise auf den Kirchenfundamenten der Petrikirche, zu errichten. Das Miteinander von Stadt und Religion, wie es seit 800 Jahren hier gelebt wurde, soll auf diese Weise eine Fortschreibung im Lichte der multireligiös geprägten Gegenwart dieser Stadt erfahren. Das Neue gründet auf dem Alten, bewahrt es und schreibt es in die Zukunft hinein fort. Diese Grundidee erhält mit der Gründung auf den Kirchenfundamenten eine prononcierte architektonische Gestalt, und sie wird den Herzschlag der künftigen Nutzung des House of One ausmachen. Die Geschichte dieses Ortes und seines Umfeldes seit dem Mittelalter ist dabei ein eigenes, bislang noch wenig studiertes Geschichtsbuch des Umgangs der Religionen miteinander in der Geschichte dieser Stadt: von der Schmähschrift über den Propheten Mohammed, verfasst 1542 vom Lehrer an der Petrischule Heinrich Knaust, über die Berliner Aufklärung um Lessing, Mendelssohn und Nicolai, über die Debatten zu den Wegen und theologischen Implikationen der Judenemanzipation im 18. Jahrhundert, in deren Verlauf der Propst an St. Petri Wilhelm Abraham Teller 1799 eine vielbeachtete Schrift verfasste, bis hin zum 5. Weltkongress der Weltreligionen in Berlin 1910 - und bis hin zum Fall Walter Hoff. Dieses Geschichtsbuch des Petriplatzes, manchmal Hoffnung gebend, manchmal finster und beschämend, wird Teil des Ausstellungs- und Nutzungskonzepts des House of One sein und uns intensiv beschäftigen, mit weiteren historischen Forschungen und den Fragen der künftigen Präsentation und Einbettung in die Nutzung.

Der Vorstand des Trägervereins hat demgemäß schon Anfang 2013 die Zusammenhänge um Walter Hoff bedacht, erörtert und sodann beschlossen, sie bei der Konzeption der Innenräume und ihrer Nutzung aufzugreifen und zu entfalten. Aber schon jetzt vergeht im Grunde keiner der so zahlreichen Präsentationen unseres Projekts, bei der nicht auch diese historische Dimension zum Thema wird – und das ist auch gut so und von uns gewollt.

Dass im House of One ein solcher Umgang mit der Geschichte gepflegt wird, hat nicht zuletzt theologische Gründe. Was hat ein Gott, was haben die Götter mit der Geschichte der Menschen zu tun? Nicht viel, antworten die Götter Griechenlands. Sie nehmen Anteil am Leben ihrer Heroen, beeinflussen es, doch alles Ernsthafte löst sich schließlich auf im „unauslöschlichen Gelächter“ (Ilias 1.599) derer, die als die Unsterblichen auf dem Olymp kein Leid und keinen Kummer kennen. Gar nichts, antwortet deshalb der griechische Philosoph Epikur, der lehrte, dass die Götter eine selige Existenz führten und sich nicht um die Menschen bekümmerten.

Gar nichts, antwortete in der europäischen Moderne Friedrich Nietzsche, denn er proklamierte den Tod Gottes. Gar nichts, antworten, Nietzsche folgend, viele säkular geprägte Menschen unserer Tage, denn einen Gott gibt es nicht.

Einen anderen, viel unmittelbareren Bezug zur Geschichte haben das Judentum, das Christentum und der Islam. Prägnant findet er sich im Christentum, dessen Essenz im Glauben an das Sich-Einlassen Gottes auf die menschliche Geschichte in der Person des Jesus von Nazareth besteht. Menschliche Geschichte in ihrem Leben und Sterben erhält hiermit eine aus christlicher Sicht unüberbietbare Dignität. Mit der Geschichte Gottes mit seinem Volk im Judentum und der Geschichte der Selbstvorstellung Gottes im Koran durch seinen Propheten Mohammed im Islam finden sich ähnliche Bezugnahmen auch in diesen Religionen. Gerade hier begegnet einem die komplexe Verschränkung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die sensibel macht für die Phänomene der Geschichte, ihre Deutung und Vergegenwärtigung. Das House of One wird sich in redlicher Vergangenheitsempathie einüben, wissend um die große Schuld und die großen Verdienste der Religionen, getrau dem Motto: „Vergangenheit, die nicht vergehen soll!“