Sonntag, 7. November 2021

Antisemitismus und Hass sind die inneren Grenzen Europas

In Europa spielen Grenzen kaum noch eine Rolle. Sie sind überwunden, ohne die nationale oder regionale Identität der Menschen zu zerstören. "Aber es gab und gibt innere Grenzen", sagte Rabbiner Andreas Nachama auf der Konferenz "Europe Bottom-Up" der Stiftung Zukunft Berlin am 8. November 2021 in Berlin. Noch immer werden Menschen ausgegrenzt, erleben Hass, Rassismus oder Antisemitismus. Wir dokumentieren die vollständige Rede des Historikers:

 

"Wir sind hier einen Steinwurf vom Brandenburger Tor entfernt. Es hieß: "Solange das Tor geschlossen ist, ist die europäische Frage offen." Tatsächlich war es eine scharfe, äußerst trennende Grenze, die mindestens von 1961 bis 1989 dieses Tor quasi verschlossen hielt. Und diese Grenze trennte nicht nur diese Stadt oder dieses Land, sondern tatsächlich ganz Europa in Ost und West.

 

Als in Europa am 8. Mai 1945 das nationalsozialistische Deutschland besiegt war, konnte man resümieren, dass in Europa mit Ausnahme weniger "neutraler" Staaten, kein Land verschon geblieben war, es kaum eine Familie gab, die nicht Opfer zu beklagen hatte. Zwar war Europa vor 1939 ein Kontinent mit scharfen Grenzen und sehr lebendig ausgeprägten Nationalismen, aber die Grenzen hatten nicht geschützt. Die Pariser Vorort-Friedensverträge von 1919 waren das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben standen, denn zwischen 1919 und 1939 gab es eine beträchtliche Zahl von zwar lokalen, aber doch kriegerischen Auseinandersetzungen in Europa. Im Osten wie im Westen hat man dann nach 1945 erkannt, dass Grenzen nicht schützen, sondern eher trennende Konflikte verschärfte. Die Liste der Gedenk- und Erinnerungsorte für die Opfer der Nationalsozialistischen Gewaltakte in Deutschland und Europa ist lang, die Liste der Opfernamen acht Jahrzehnte nach dem Ende dieser Tyrannei nicht zu Ende geschrieben. 

 

Neu auflebender Antisemitismus

 

Heute jedoch, und vor allem nach 1989, ist Europa vom Atlantik bis zum Schwarzen Meer, von Sizilien bis zum Nordkap nahezu vereint. Und  es ist nicht das Europa der Nationalsozialisten oder irgendeiner Hegemonialmacht. Es ist unser Europa, das Europa der Europäerinnen und Europäer, das Europa unserer Städte und Regionen. Grenzen spielen kaum noch eine Rolle. Sie sind überwunden, ohne die nationale oder regionale Identität der Menschen zu zerstören. 

 

Aber es gab und gibt innere Grenzen. Waren es in den ersten knapp fünf Jahrzehnten im 20. Jahrhundert Juden, Sinti und Roma, Slawen oder Osteuropäer im Allgemeinen, Patienten und andere Minoritäten, die in Europa insbesondere von Faschisten ausgegrenzt und verfolgt wurden oder wie im vom NS-Deutschland besetzten Europa sogar mit einem mörderischen Hass verfolgt wurden, so sind dies heute neben einem neu auflebenden Antisemitismus, Sinti und Roma, aber vor allem Musliminnen und Muslime, die zum Gegenstand von auch mörderischem Hass werden.

 

Ausgrenzung von Musliminnen und Muslimen

 

Symbolisierte in den Jahrzehnten der europäischen Teilung das Brandenburger Tor hier in Berlin diese schmerzhafte Grenze zwischen den Menschen, so ist dies heute die religiöse Ausgrenzung vor allem der Muslime. Vor diesem Hintergrund hat Gregor Hohberg, ein protestantischer Pfarrer, der vor 1989 zu denen in der DDR gehörte, die mit einer Kerze in der Hand gegen die Unterdrückung in Ostdeutschland auftrat, die Idee gehabt, ein HOUSE OF ONE zu schaffen. Auf dem Grundriss, einer während des Zweiten Weltkriegs durch einen alliierten Bombenangriff zerstörten und Mitte der 1960er Jahre endgültig abgerissenen protestantischen Kirche soll ein Bet- und Lehrhaus zu entstehen.

 

Hier sollen eine Kirche, eine Synagoge und eine Moschee verbunden durch einen Raum der gemeinsamen Verbindungen unter einem Dach entstehen. An diesem Ort soll nach innen jeder in jeweils seiner Tradition, aber verbunden in der gemeinsamen Aufgabe beten, lernen und sich miteinander austauschen können, geeint durch friedliche Verbundenheit. Nach außen treten die Vertreter der drei Religionen mit der säkularen oder andersgläubigen Stadtgesellschaft in Verbindung, um auch hier zu zeigen: es geht nicht um Grenzen, es geht nicht um Abgrenzungen, sondern es geht um gemeinsame Verantwortung für gesellschaftliches Miteinander – Frieden ohne Grenzen!

 

Wir begreifen unser Projekt, das hier in der absoluten Mitte Berlins entsteht, gerade nach den Erfahrungen des letzten Jahrhunderts als ein Projekt für ein besseres Europa. Unser Enthusiasmus trägt und begründet das House auf One. Unser Stolz ist, damit auch zu einem gelingenden Europa beizutragen. Deshalb führen wir uns wohl in dieser Initiative „Europe Bottom-up“ - gemeinsam mit all denen, die sich in der Verantwortung sehen, „von unten“ dieses neue Europa mit aufzubauen. Das House of One ist ein best practice Modell eines europäischen Projekts "von unten", "bottom-up".

 

 

 

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