Freitag, 3. Juni 2022

Pilgerreise nach Georgien

Torah scroll safely packed for its way from Israel to Tbilisi in Georgia.
Security check for the scroll in Israel. It is now a "safer" Torah.
Torah, Bishop Malkhaz and Rabbi Ben Chorin meet for the first time at Tbilisi Airport.
Bishop Malkhaz guiding our German-US-Georgian-Kazakh travel group trough multi-religious Tbilisi.
Johanna Ginsburg, US-journalist, and Bishop Malkhaz who received the Doha Award for Interreligious dialogue a few days ago in Qatar.
Bishop Rusudan with a present that she is preparing for a Yazidi religious holiday. We will learn more soon...
Bishop Malkhaz in the Catholic Church that was used in Soviet times as a gym.
Impressions in the Catholic Church.
Die Peace Cathedral in Tbilisi, außen verziert mit Darstellungen von Engelsflügeln.

Georgien liegt an der Grenze zwischen Europa und Asien - ein Land, das im Laufe der Zeit von unterschiedlichen Völkern und Kulturen geprägt wurde. Deren Religionen, Traditionen und Bräuche bilden auch im heutigen Georgien einen Mosaikteppich religiöser und kultureller Vielfalt. Im Sinne dieser Diversität treffen sich Mitwirkende des House of One mit Freundinnen und Partnern aus Israel, Deutschland, Kasachstan und den USA in Tbilisi, der Hauptstadt Georgiens. Organisiert von Bischof Malkhaz, dem Gründer unserem georgischen Partnerprojekt, der Peace Cathedral, liegen vor allen Teilnehmenden Tage des interreligiösen Lernens und Miteinander.

 

Ein Tagebuch dieser Reise mit täglich neuen Eindrücken können Sie in den Stories unserer Instagram- und Facebookaccounts als auch ausführlich auf unserer Website verfolgen. Tag für Tag nehmen wir Sie mit auf die Reise.

 

 

 

Tag 1, Sonntag: Berlin - Tbilisi:

 

"Für mich ist Georgien wie die warmen Hände und der Schoß der Mutter." So beschreibt die auch in Tblisi lebende Musikerin Maroussja Schukjurowa das Land. Letzte Vorbereitungen für die Reise werden getroffen, die Koffer sind gepackt. Die Vorfreude ist nicht nur in Berlin groß - auf eine Reise des interreligiösen Dialogs, darauf, neue Menschen kennenzulernen und alte Freunde wiederzusehen. Aus Berlin reisen mit unseren Teilnehmerinnen und Teilnehmern auch Berliner Honig und weitere House of One-Geschenke für unsere georgischen Gastgeber mit.

 

 

Zeitgleich wird auch in den USA, Kasachstan und Pakistan das Gepäck vorbereitet. In Israel sind das nicht nur Koffer. Rabbiner Golan BenChorin, Projektbotschafter des House of One in Israel, musste eine Verpackung für eine Tora-Rolle finden. Die heilige jüdische Schrift ist ein Geschenk des House of One an die Peace Cathedral in Tbilisi, ein Geschenk, dass durch Spenden möglich wurde. Die Tora wird als Höhepunkt am Ende der einwöchigen Reise im Rahmen einer feierlichen Zeremonie in die Synagoge der Peace Cathedral gebracht werden. Dazu später mehr. Erst einmal nimmt Bischof Malkhaz Rolle und Rabbiner am Flughafen in Tbilisi in Empfang.

 

 

 

Tag 2, Montag: Tbilisi - multi-religiöse Stadt

 

Der erste gemeinsame Tag ist ein Tag des Kennenlernens, der Gruppe untereinander und dieser besonderen Stadt, in der Europa und Asien sich begegnen und sich über Jahrhunderte Handelswege sowie Menschen kreuzten. Tbilisi ist an drei Seiten von Bergen umgeben, die Wege mitunter steil, Treppen, verwinkelte Gassen münden auf kleine Plätze. Liebevoll sanierte Gebäude wechseln mit verfallenden Gemäuern und modernen Neubauten ab. Der frühere Glanz der Stadt ist zu erahnen.

Zahlreiche Gotteshäuser gibt es und gilt es, zu besichtigen. Die kulturelle Vielfalt der Stadt zeigt sich nicht zuletzt in der Vielzahl der unterschiedlichen Gebetsorte: Nach dem Besuch einer reich verzierten armenischen Kirche, nimmt die Gruppe am Mittagsgebet in einer Moschee teil, die ursprünglich aus einer Zwangsgemeinschaft entstand und heute von Schiiten und Sunniten gemeinsam genutzt wird, sowie im Anschluss an einem Gebet in einer orthodoxen Synagoge.

 

 

In den religiösen Orten spiegelt sich die wechselhafte Geschichte der Stadt. Die römisch-katholische Kathedrale "Maria Himmelfahrt" (Bild unten) etwa wurde im 13. Jahrhundert gegründet, in Sowjetzeiten konfisziert, die sakralen Gemälde überpinselt und das Gebäude über Jahrzehnte als Sporthalle genutzt. Inzwischen wird die Kirche bereits seit über zwanzig Jahren wieder als Gebetsort genutzt. Die Gestaltung ist noch nicht abgeschlossen, die Künstler noch mit den Wandmalereien im Innenraum beschäftigt.

 

 

Bischöfin Rusudan, die ebenfalls zur Peace Cathedral gehört, gehört zu den Künstlern, welche die Kathedrale neu gestalten wollen. Der Reisegruppe erzählt sie später am Tag auch von der jesidischen Gemeinschaft Georgiens. Ein von ihr gestaltetes Plakat (Bild unten) wird als Geschenk der jesidischen Gemeinde am kommenden Sonntag, Tag eines jesidischen religiösen Fests, überreicht werden.

 

 

Bei 36 Grad ist das kühle Restaurant mit Blick über die Stadt ein willkommener Ort zum Ausruhen und für Gespräche. Die Verständigung wechselt zwischen Englisch, Deutsch, Georgisch und Türkisch. Was sind die Erwartungen der Einzelnen an die kommenden Tage? Reihum spricht jeder einen Toast. Jede und jeder erzählt von den eigenen Erwartungen und Hoffnungen an die bevorstehenden Tage.

"Ich freue mich darauf, neue Menschen kennenzulernen, die ebenfalls für den interreligiösen Dialog brennen und den Mut haben, dazu zu stehen", sagt etwa Renate Franke, Stiftungsratsmitglied im House of One. Den Blick weiter nach vorne richtet Ismail Al, ein Deutscher, der derzeit in Kasachstan tätig ist. Al sagt: „Wir brauchen für unsere Zukunft mutige Menschen, die neugierig sind auf unsere Diversität."

Gemeinsam ist jedem und jeder in der Runde jedenfalls die Hoffnung auf intensiveres religionsübergreifendes Austauschen und Verstehen. Und natürlich ist der Krieg Russlands gegen die Ukraine ein Thema, die Suche nach Lösungen, das Teilen von Sorgen. Der Konflikt ist in Georgien, das mehrere hundert Kilometer Grenze mit Russland teilt, sehr präsent.

 

 

Tag 3, Dienstag: Tbilisi/Kazbegi - In die Stille der Berge

 

Am frühen Morgen bricht die Gruppe auf. Ein kurzer Stopp an einem Markt, um den Proviant für unsere Wanderungen aufzustocken. Auch auf dem Weg in diese abgelegene Bergregion stoßen wir auf Auswirkungen des Kriegs in Europa. Eine nicht zu enden scheinende Schlange von Lastwagen staut sich. Es ist die Strecke von Armenien nach Russland, die nur nachts befahren werden darf. Schon drehen sich die Gespräche wieder um die Ukraine. Was macht Krieg mit uns Menschen? Warum schaffen wir es nicht, friedlich miteinander zu leben? Der Krieg fordert heraus, gibt immer wieder Anlass über einen besseren Weg aus Konflikten heraus nachzudenken.

Die Gruppe macht Halt an der Kirche in Ananuri, dem Ananuri Castle (Bild unten), am Fuß der Karpaten. Zu Zeiten der Sowjetunion wurden die Heiligenbilder an den Wänden des orthodoxen Gotteshauses weiß überstrichen. Inzwischen sind einige der Kunstwerke aus dem 17. Jahrhundert wieder freigelegt. Darunter der Heilige Georg mit seiner Waffe. Die muslimischen Teilnehmer fragen ihre christlichen Mitreisenden: "Warum tragen Eure Heiligen Waffen?" So entstehen immer wieder Gespräche, wird immer wieder ein Perspektivwechsel erforderlich. "Wir lernen unsere eigenen blinden Flecken kennen und merken, dass wir unsere scheinbaren Selbstverständlichkeiten nicht reflektieren", sagt Bischof Malkhaz.

 

 

Der nächste Zwischenstopp - inzwischen sind 2.500 Höhenmeter erreicht - ist für die Gruppe eine Herausforderung. Es ist ein Friedhof. Hier liegen Soldaten der Wehrmacht, die als sowjetische Kriegsgefangene die Passstraße bauen mussten. In unserer Gruppe sind Nachfahren der deutschen Täter im Zweiten Weltkrieg und Nachfahren der Menschen, die sie verfolgt und getötet haben. Die Gefühle sind gemischt, die Situation berührt jede und jeden auf unterschiedliche Weise. Ein Gedanke eint diese zufällig aus drei Kontinenten zusammengekommene Gruppe: Krieg und Gewalt, die daraus entstehenden Opfer und das Leid, müssen mit allen Mitteln verhindert werden. Was können Einzelne dafür tun. Allein die Tatsache, dass eine jüdisch-muslimisch-christliche Gruppe gemeinsam friedlich an diesem Ort des Leids gedenken und darüber miteinander sprechen kann, ist ein Zeichen der Hoffnung. Ismael Al beschreibt es in seinen Worten: "Noch nie habe ich mich in einer fremden Gruppe wo wohl gefühlt, da soviel gegenseitiger Respekt im Raum ist."

Die Gergeti Trinity Church ist der nächste Halt. Auf der Spitze eines Berges gelegen ist die georgisch-orthodoxe Kirche nicht nur ein Ziel für Gläubige. Sie ist nicht nur für Touristen, sondern auch für die Georgier selbst ein beliebtes Ausflugsziel. Die Dunkelheit im Innern hat etwas Beruhigendes. Die christlichen Bilder, Symbole und Ikonen regen zu leisen Gesprächen an. Was verbindet uns? Was lässt Fragen offen?

 

 

Es regnet. Die Wanderung ins Gebirge wird auf den nächsten Tag verschoben. So bleibt mehr Zeit für Gespräche in unserer Unterkunft im Juta Tal. Bischof Malkhaz gibt Denkanstöße, fordert die Mitreisenden heruas. Wie kann die Zusammenarbeit über Religionsgrenzen hinweg noch ertragreicher werden? „Wir sitzen zum ersten Mal als Muslime, Christen und Juden zusammen und können uns gegenseitig helfen, theologischen Frieden zu entwickeln. Ich möchte von euch herausgefordert werden, mein Wissen vertiefen. Wie können wir noch ergiebiger werden?", fragt er die Gruppe. (For the first time we are sitting together as Muslims, Christians and Jews and can help each other to develop theological peace. I want to be challenged by you and deepen my knowledge. How can we become more fruitful?)

 

 

Tag 4, Mittwoch: Kazbegi/Juta Tal - In die Stille der Berge

 

"Die Stille ist das beste Gebet." So kündigt Bischof Malkhaz die Wanderung in die Berge an. Die ersten tausend Schritte sind die schwersten. Vorbei geht es an Bächen und Blumen. Die schmalen Pfade schlängeln sich über grüne Wiesen. Niemand spricht zunächst. Später finden sich die Wandernden in immer wieder wechselnden Konstellationen, kommen ins Gespräch, lernen sich besser kennen. Mit nackten Füßen geht es durch einen Bach. Das Wasser ist eiskalt - und schmeckt köstlich. Helfende Hände werden einander gereicht, damit alle trocken durch den knietiefen Bach ans andere Ufer kommen.

Rabbiner Golan BenChorin nutzt die Pause für eine Übung mit Namen "Der Adler" und spricht dazu leise ein jüdisches Gebet. Die Gruppe schließt sich an. Ein kleiner Schwarm Adler auf einer Bergwiese in den Karpaten.

Am Abend geht es zurück nach Tbilisi, vorbei an den nicht kürzer gewordenen Lastwagenschlangen.

 

 

Tag 5, Donnerstag: Peace Cathedral - Ort der Hoffnung

 

Der Tag in Tbilisi beginnt komfortabler Weise etwas später für die Gruppe. Die erste Station auf dem Weg ist die Kathedrale von Samtawissi. Das orthodoxe Gotteshaus im gleichnamigen Dorf nordwestlich von Tbilisi ist auf den Ruinen einer der vier Gründungskirchen der Christianisierung Georgiens gebaut. Ein Rosengarten blüht in verschiedensten Farben dort, wo vor über eintausend Jahren eine Festungsmauer die Bewohner des Dorfes schützte. In der Kirche zünden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Kerzen an. Ein Moment der Stille, in dem die Gruppe der mehr als hundert christlichen Gläubigen in Nigeria gedenkt, die bei einem Überfall auf eine Kirche an Pfingsten ums Leben kamen, sowie der Opfer der Amok-Autofahrt in Berlin, bei der eine Frau starb und viele Jugendliche verletzt wurden.

 

 

Von Regenschauern begleitet geht es weiter. Georgien ist berühmt für seine Weine. So steht an diesem Tag auch ein Besuch eines Winzers auf dem Plan. Auf dem Weingut angekommen erfährt die Gruppe von dem Winzer alles über das Keltern und Fermentieren, über Qualität und Reinheit bis hin zu den geschmacklichen Facetten.

Beim Mittagessen entspinnt ein Gespräch über Georgien, über die herausfordernde gesellschaftspolitische Lage des Landes, über Verantwortung politischer und kirchlicher Macht und über die Hoffnung einer jungen Generation. Die Begegnung klingt im wahrsten Sinne des Wortes aus zu hebräischer und georgischer Gitarrenmusik.

Zurück in Tbilisi geht es am Abend zur Peace Cathedral, dem Partnerprojekt des House of One. In einer von deutschen Kriegsgefangenen errichteten ehemaligen Lagerhalle entstehen, ergänzend zur bereits bestehenden Kirche, eine Moschee und eine Synagoge sowie ein vierter Raum der Begegnung. Das “House of One Georgiens” ist weit fortgeschritten.

Renate Franke, die als Mitglied des Stiftungsrats des House of One 2017 schon einmal die Peace Cathedral besuchte, ist beeindruckt. "Damals war es noch eine improvisierte Kirche in einem ehemaligen Lagerhaus", erinnert sich Franke, "Heute betrete ich gefühlt zum ersten Mal ein House of One: eine Synagoge,eine Moschee und eine Kirche unter einem Dach und einem Raum mit einem riesigen Tisch zum Austausch, an dem wir später auch essen werden."

Noch ist einiges zu tun. Anderes wird bewusst unfertig gelassen, um von späteren Generationen ergänzt zu werden. Jede bauliche Nuance erzählt eine eigene Geschichte, sei es durch die Materialien, die bauliche Entstehung oder ihre Bedeutung in der sakralen Nutzung.

 

 

Bischöfin Rusudan und Bischof Malkhaz beraten gemeinsam mit Rabbiner BenChorin und Pfarrer Hohberg, wie die bevorstehende Übergabe der Tora, die BenChorin aus Haifa mitgebracht hat, aussehen kann. Welche Liturgie ist angemessen? Zumal die Synagoge erst im nächsten Jahr offiziell eingeweiht wird. Wie können möglichst viele Menschen daran teilhaben?

Im Gespräch erfahren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch von den existentiellen Bedrohungen, denen die Gemeinde der Peace Cathedral ausgesetzt war, als sie sich gegen Homophobie in Georgien stellte, als sie Position für ein besseres Miteinander und für eine gegenseitige Achtung der Vielfalt in der Gesellschaft bezog. Es wurde versucht, das interreligiöse Bauwerk zu verhindern.

Was die Menschen um Bischof Malkhaz weiter trägt, sind der Glaube und die Hoffnung, das Richtige zu tun. An einem anderen Miteinander, an einer besseren, bewussteren Gesellschaft zu arbeiten - nicht theoretisch, nicht an einem Tag in der Woche, sondern als Grundprinzip ihres Wirkens.

 

Tag 6, Freitag: Nadarbazevi See - Interreligiöse Wanderung

 

Ein Grundprinzip dieser von Bischof Malkhaz wohl durchdachten Reise ist es, sich einfach einzulassen auf das, was kommen wird oder kommen kann. Erwartungsoffenheit, Neugierde und die eigene Zurücknahme sind für die Teilnehmer gute Ingredienzen. Es ist wichtig, nicht alles im Voraus genau zu wissen und den Zeitplan stets einhalten zu müssen. So ergeben sich immer wieder Gelegenheiten, Gedanken miteinander zu teilen oder ihnen leise für sich zu folgen, einem spontan entstehenden Gespräch Raum zu geben oder einfach eine Aussicht zu genießen.

Für diesen Tag ist eine Wanderung geplant, 14 Kilometer. Der Fahrer setzt die Gruppe etwa 50 Kilometer nordöstlich von Tbilisi auf einer Anhöhe ab. Sonst ist kein Mensch unterwegs. Nur drei Hirten werden im Laufe des Tages den Weg kreuzen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wissen nicht, wohin der Weg sie führen wird, den nur Bischof Malkhaz kennt. Unbelastet erleben die Wanderer die grandiose Natur, den wechselnden Wolkenverlauf, Täler und Gebirge, von welchen die Gruppe auf einer Kammroute umgeben sind. Faszinierend sind die unzähligen Grüntöne, je nach Sonneneinfall und Wind, der anfänglich angenehm kühlt. Immer wieder entspinnen sich während des Gehens Gespräche zwischen zwei, manchmal drei Personen - oder man läuft schweigend nebeneinander her und lässt die Natur auf sich wirken.

 

 

Irgendwann bittet Bischof Malkhaz alle, einen Stein aufzuheben. Dieser Stein soll für eine empfundene Last im eigenen Leben stehen. Auf dem weiteren Weg soll man still darüber nachdenken, wie man mit dieser Last umgehen kann, um diese Last auf der Anhöhe abzuwerfen zu den Last-Steinen, die dort schon liegen.

Weiter geht es, über große Felsen kletternd, nach Uplisziche. In den weichen Stein ist eine Höhlenstadt gehauen. Die bis zu 3.000 Jahre alten Räume lassen ihre Nutzung noch erahnen. Schon in der Bronzezeit siedelten Menschen in Uplisziche.

Das Ziel ist ein einfacher Hof, auf dem die Gruppe von einem Ehepaar zum Essen eingeladen ist. Im Wohnzimmer ist eine lange Tafel aufgestellt. Im Fernsehen läuft erst eine türkische Soap, später dann Nachrichten - auf stumm gestellt. Auf dem Tisch stapeln sich im wahrsten Sinne des Wortes die Köstlichkeiten aus georgischer Küche: Salzlakenkäse, frisch gebackenes Sauerteigbrot, gebratener, geräucherter und gekochter Fisch vom Nachbarn, eingelegtes Gemüse, Gurken- und Tomatensalat aus dem eigenen Anbau, später Erdbeeren und Kirschen. Die Georgier haben einen Namen für dieses Festessen: Supra. Zu dieser gastfreundlichen Geste gehört auch, dass viel mehr serviert wird, als überhaupt gegessen werden kann.

Zu einer Supra gehören auch die Trinksprüche. Unser Gastgeber ehrt viele Menschen und gute Prinzipien, welche für alle simultan übersetzt werden. Jedes Mal erheben die Gäste das stets zum Rande gefüllte Glas mit dem aus zwei unterschiedlichen Trauben gekelterten Weißwein. Das heißt nicht, dass viel getrunken wird, etwas Nippen am Glas genügt der Höflichkeit. Den muslimischen Teilnehmern und allen, die keinen Alkohol möchten, werden die Gläser mit Bergwasser oder selbstgemachter Limonade mit Beeren darin gefüllt.

Eine schöne Beobachtung: Nicht immer braucht es eine Übersetzung. Manches versteht sich von selbst.

Der Hofherr und Gastgeber ist mit der Peace Cathedral vertraut. Vom House of One lässt er sich ebenfalls begeistern. Die Suche nach Frieden unter den Menschen, die der Idee des House of One zu Grunde liegt, gilt für die ganze Welt. In Georgien ist sie noch einmal essentieller, da das Land vor nicht langer Zeit selbst Krieg und Besatzung erlebt hat.

Nach dem Essen setzen sich alle im Hof unter dem Weindach zusammen. Rabbiner BenChorin leitet den Schabbat ein. Die Kabbalat Schabbat (Empfang des Schabbat) ist etwas komprimiert und diesmal ohne Instrument. Berührt sind dennoch alle, auch die nicht-jüdischen Teilnehmerinnen und Teilnehmer, von diesem Moment der Achtsamkeit und des Innehaltens.

 

Tag 7, Samstag: Tbilisi - Peace Cathedral

 

Nach Tagen des Pilgerns und der Besichtigungen gehört der Samstag dem Lebenswerk von Bischof Malkhaz, der Peace Cathedral. Wie im House of One sind auch hier eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee unter einem Dach geplant. Auch gibt es einen Tisch der Begegnung in einem Außenbereich seitlich der Kirche.  Am Morgen treffen sich die muslimischen mit den christlichen und jüdischen Teilnehmern in der Peace Moschee zum ersten muslimischen Gebet an diesem Ort.

 

Im Anschluss stellen Renate Franke, Pfarrer Gregor Hohberg und Sophia Athié den anderen die Idee des House of One in Berlin vor. Gemeinsam animieren sie die Umstehenden, sich Friedensbotschaften, ihre jeweils persönlichen Wünsche oder Gebete zu überlegen, um diese anschließend mit Kreide auf den Boden zu schreiben. Worte in Georgisch, Englisch, Hebräisch und Deutsch sind bald auf dem Beton zu lesen. "Hilf uns, Gott, die zu lieben, die wir nicht mögen", hat etwa Bischöfin Rusudan in verschlungenen georgischen Buchstaben hinterlassen.

 

 

Die Botschaften in verschiedenen Sprachen auf den Boden gekratzt stehen wie ein Sinnbild für den interreligiösen Dialog, der über Grenzen oder Sprachbarrieren hinweg Menschen zusammenbringen kann. Die Kreide wurde am Ende aufgeteilt und wird mit den Teilnehmenden zurück in ihre Länder gehen, nach Kasachstan, Israel, Deutschland oder den USA. Dort, in seiner jeweiligen Heimat, will jeder aus der Gruppe zu einem solchen Ritual einladen, um weitere Menschen zusammenzubringen, Botschaften des Friedens und Spenden für das House zu sammeln und anschließend die Kreide wieder weiterzureichen.

Im Anschluss an diese interaktive House of One Aktion hat sich die Gruppe für die Gastfreundschaft von Bischof Malkhaz und der Gemeinde der Peace Cathedral bedankt. Von muslimischer Seite übergaben die Mitreisenden Mustafa Sahin, Mustafa Türkaslan und Ismael Al ein kunstvoll gearbeitetes Relief aus Kasachstan, den Stempel von dem muslimischen Mystiker Hodscha Ahmed Yesevi, der im 11. Jahrhundert wirkte. Rabbiner BenChorin brachte eine Mesusa mit, eine Schriftkapsel, die am Türrahmen des Eingangs in ein jüdisches Haus befestigt ist. Es war die Mesusa, die einst den Eingang zum Haus seines vor kurzem verstorbenen Vaters, Rabbiner BenChorin, schmückte.

Pfarrer Hohberg hat seinerseits drei Gaben aus Berlin mitgebracht, eine für jeden Sakralraum. Gefertigt wurden sie in der Zentralafrikanischen Republik vom dortigen Partnerprojekt des House of One. Für die Peace Cathedral überreicht Hohberg ein handgeschnitztes Kruzifix, das Christus am Kreuz als Segnenden zeigt, für die Peace Synagoge ein kleines Bastgefäß für die Hawdala-Zeremonie und für die Peace Moschee einen Engel. Diese Geschenke sollen die House of One Partnerprojekte symbolisch noch enger verbinden.

Während am Nachmittag die Mitreisenden ihre eigenen Pläne verfolgen, bereitet Rabbiner BenChorin gemeinsam mit Bischof Malkhaz die Tora für die Zeremonie am kommenden Tag vor. Sie wurde von Freundinnen und Freunden des House of One gemeinsam mit Stiftungsratsmitglied Renate Franke als Geschenk des House of One an die Peace Cathedral organisiert. Die Schriftrolle liegt noch in ein Tuch gehüllt sicher in dem Hartschalenkoffer, in dem sie im Flugzeug aus Israel kam. Vorsichtig packen die Geistlichen die auf zwei Holzstäbe gedrehte Schriftrolle aus. Gemeinsam rollen sie das Pergament vorsichtig bis zur richtigen Textstelle auf und hängen die Rolle anschließend in einen verzierten, hölzernen Kasten ein. So wird die Heilige Schrift am kommenden Tag in die Synagoge gebracht werden.

 

 

Zum Abschluss des Tages findet in der Peace Synagogue ein Gottesdienst zum Ende des Schabbat, die Hawdala, statt. Rabbiner BenChorin nennt seine Liturgie einen "kreatives Gebet", da er Elemente abgewandelt hat. Bei der Hawdala-Zeremonie sollen einzelne Elemente auf sinnliche Weise erlebt werden, um sich das Endes des Schabbat und dem Beginn der neuen Woche bewusst zu machen. Neben einer aus sechs Strängen geflochtenen Kerze, deren Licht und Wärme gefühlt wird, gehört eine Dose mit Gewürzen, den Besamim, zum Riechen dazu sowie ein Kelch mit Wein zum Schmecken. Statt den Gewürzen liegen in dem herumgereichten kleinen geflochtenen Bastgefäß aus der Zentralalfrikanischen Republik Steinchen. Am Ende der Zeremonie und damit am Ende des Schabbat wird die Hawdala-Kerze im Wein ausgelöscht. Das Zischen ist deutlich hörbar. Anschließend wünscht sich jeder „Schawua Tow“, das soviel heißt wie "eine gute Woche". Rabbiner BenChorin hat die Zeremonie mit Gitarre und Gesang begleitet. Die Lieder hatten immer wieder einfache Passagen, die alle mitsingen konnten, obwohl kaum einer die Musik vorher kannte.

 

 

Die Zeremonie hat die Anwesenden sichtlich berührt. Unabhängig von ihrer Religion haben sie dem jüdischen Ritual gemeinsam beigewohnt, gesungen und es miterlebt. Ein besonders spirituelles Erlebnis.

 

 

Tag 8, Sonntag: Tbilisi - eine Tora für die Synagoge

 

Die Torarolle, welche am Vortag bereits vorbereitet wurde, soll an diesem Sonntag in einer multi-religiösen Zeremonie feierlich in die Synagoge der Peace Cathedral gebracht werden. Zuvor wird das Pfingstfest, nach orthodoxer Tradition eine Woche nach dem Pfingstfest in Deutschland, mit einem Gottesdienst in lithurgischer Gastfreundschaft mit Rabbiner und Imam gefeiert. Der Boden der Kirche ist mit Heu und bunten Blütenblättern bestreut. Gemeinsam ziehen Rabbiner BenChorin aus Haifa, Pfarrer Hohberg aus Berlin und Sheikh Mirtagi Asadov in den Raum ein. Der Festakt wird fast zwei Stunden dauern, gefüllt mit symbolischen Handlungen jeder Religion, Auslegungen aus Tora, Bibel und Koran sowie Gesängen.

 

 

Während das christliche Abendmahl gereicht wird, verlassen die jüdischen Vertreterinnen und Vertreter die Kirche und bereiten vor der Peace Cathedral die Torarolle vor. Getrennt voneinander werden anschließend die Tora-Rolle und die verzierte Holzkiste, der Tik, von Hand zu Hand durch die in einer Reihe aufgestellten Menschen gereicht bis in die Synagoge hinein. Dort wird die Schriftrolle wieder in den Tik gehängt und an ihren künftigen Platz gebracht. Ein weiterer wichtiger Schritt ist getan auf dem Weg bis zur Einweihung des jüdischen Gotteshauses im kommenden Jahr.

Erfüllt noch von dieser besonderen Zeremonie, hätte die Gruppe gern noch ein paar Momente der Gemeinsamkeit genossen. Eine Einladung der jesidischen Gemeinde Georgiens folgen dennoch alle gerne. Als Gäste sind die Reisenden zu einem hohen Fest der Jesiden eingeladen. Also machen sich alle trotz Mittagshitze auf den Weg.

Nachmittags pflanzt die Gruppe gemeinsam einen Granatapfelbaum im Garten nahe der Peace Cathedral. Der Granatapfel ist seit dem Altertum in vielen Religionen ein Symbol für Fruchtbarkeit und Liebe. Im Koran empfiehlt der Prophet den Genuss von Granatäpfeln, um den Körper von Hass und Eifersucht zu reinigen. Und im Judentum sagt man, der Granatapfel habe 613 Kerne, das entspricht der Zahl der Mitzwot, der religiösen Gebote.

 

 

Dieser Granatapfelbaum in Tbilisi allerdings wird in Angedenken an Rabbiner Tovia BenChorin, dem Vater von Golan BenChorin und Mitbegründer des House of One, gepflanzt. Tovia BenChorins Wunsch war es, als Baum wiedergeboren zu werden. Ein schönes Zeichen des Neuanfangs, zumal der Granatapfel auch eine beliebte Speise am jüdischen Neujahrsfest ist und ein gutes, süßes neues Jahr versprechen soll.

Symbolisch soll das Pflanzen des Bäumchens auch auf den Garden of One, das von Golan BenChorin initiierte Partnerprojekt des House of One in Haifa, verweisen. Ein Projekt der Versöhnung zwischen jüdischen, muslimischen, christlichen und Baha'i-Menschen in Israel. Und manchem mag vielleicht der Satz durch den Kopf gegangen sein, der dem christlichen Reformator Martin Luther zugeschrieben wird: "Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“

Als die Reisenden am Abend dieses letzten Tages der Reise noch einmal zum Essen beieinander sitzen, wird Bilanz gezogen: Was hat uns auf der Reise besonders berührt? Was nehmen wir mit in unseren Alltag? Was konnten wir voneinander lernen, über Unterschiede und Gemeinsamkeiten unserer Religion? Wo ahben wir Neues, Weiterführendes entdeckt und wo vorsichtig zu Behandelndes und zu Vermiedendes erlebt? Was sicher ist: Jedem und jeder werden diese besonderen Tage, das Verstehen trotz Sprach- und Religionsvielfalt, die Gastfreundschaft der Georgier sowie die gemeinsam erlebten Momente im Gedächtnis bleiben.