Im säkular geprägten Deutschland, wo Religionen an Bedeutung verlieren und internationale Konflikte das gesellschaftliche Miteinanderbelasten, haftet dem interreligiösen Dialog etwas Unzeitgemäßes an. Daran ändern auch bisweilen kräftige offizielle Bekundungen eines gesellschaftlichen Rangs von Religionen nichts. Und doch sind interreligiöse Aufbrüche wichtiger denn je angesichts der großen Zukunftsthemen.
Unzeitgemäß zu sein, kann deshalb auch zum Gebot der Stunde werden. Als neue Wege, die Reibung und offene Ausgänge nicht scheuen - und die Orientierung gewinnen an denen, die zu ihrer Zeit unzeitgemäß waren. ln diesem Sinne ist nicht zuletzt Franziskus von Assisi in seinem Leben und Wirken auch für das House of One ein immer wieder gesuchter und befragter Bezugspunkt.
Mit dem House of One-Projekt haben wir uns in Berlin 2009/10 auf den Weg gemacht, als Juden, Christen und Muslime sich zusammenfanden, um mit der gemeinsamen Planung eines neuartigen Sakralgebäudes zu beginnen: ein Bet-und Lehrhaus, ohne Religionsvermischung, aber dafür ein Ort des gegenseitigen Kennenlernens. Ein Ort des gemeinsamen Entwerfens und Arbeitens, an dem Schritt für Schritt Vertrauen und Frieden wachsen. Ein weltweit ausgeschriebener Architekturwettbewerb machte die ldee des House of One bereits 2012 international bekannt. Und seit 2014 flankiert eine wachsende inhaltliche Arbeit, vor allem im Bereich der Bildung und Fortbildung, den Bauplanungsprozess.
Damit folgen wir auch dem Beispiel, das Franziskus von Assisi mit seiner Begegnung mit Sultan al-Kamil in Damiette im Jahr 1219 gab. Denn jenseits des Legendarischen zeigt sich im genaueren Hinsehen das unzeitgemäß Moderne, das uns wichtig wurde und unsere eigene Arbeit begleitet. Wie offen war 1219 der Ausgang dieser Begegnung - in der Zeit des 5. Kreuzzugs, in einer Zeit also, als die Verteufelung der jeweils anderen Religion die Regel war. Mitten im Krieg, inmitten der Belagerung der ägyptischen Stadt Damiette durch das Heer der Kreuzfahrer dennoch den Dialog zu suchen, nichts unversucht zu lassen, ohne jede Aussicht auf ein Gelingen, ist damals und heute ein Zeichen des interreligiösen Dialogs. Mehr noch: Franziskus von Assisi erbat den Dialog in einer für damalige Verhältnisse gänzlich fremden Art und Weise: in materieller Armut und theologischer Demut.
So besagt das Missionsstatut in der Franziskanerregel von 1221: »Die Brüder, die hinausziehen, können in zweifacher Weise unter ihnen geisterfüllt wandeln. Eine Art besteht darin, dass sie weder zanken noch streiten, sondern um Gottes willen jeder menschlichen Kreatur dienstba1 sind und bekennen, dass sie Christen sind.« Kein Missionsfeldzug keine Vernichtung der Ungläubigen, keine Konfrontation, sonderr: eine Methodik der Empathie. Beim House of One wissen wir uns diesem Ansatz verbunden und haben ihm mit einer »Charta des House of One« eine eigene Gestalt gegeben, als rechtsverbindliches Fundament unserer Bemühungen.
Hinzu kommt die Verbindung von konsequenter Armutsstrenge und ästhetischer Sensibilität bei Franziskus. Er war alles andere als ein Kulturfeind: Seine Bekehrung wurde unter anderem durch die Betrachtung eines lkonenbildes (das Kreuzbild von San Damiano) bewirkt, nach seiner Lebenswende baute er unter Mühen eine Kirche wieder auf, er dichtete religiöse Gesänge, liebte die Musik und hatte den Wunsch nach einer künstlerisch-kostbaren Aufbewahrung der Elemente des heiligen Abendmahls. Der Reichtum der Schönheit wurde bewusst gesucht, versehen aber mit der Signatur der Armut, die sich dann überall finden musste, um der franziskanischen Idee zu entsprechen.
Das setzte sich fort, als die Bewegung rings um Franziskus wuchs: Es waren nicht nur Kaufleute wie Franziskus selbst, die » Franziskaner« werden wollten, sondern auch. Gelehrte und Künstler, entschlossen, dem Armutsideal zu entsprechen. Aber sollte der Gelehrte arm werden, indem er sich das wissenschaftliche Denken verbot, und der Künstler, indem er sein Schaffen aufgab? Sollten sie ihr gottgegebenes Talent wegwerfen zugunsten der Kargheit einer einfachen Existenz - oder gab es nicht neben der materiellen Armut eine »Armut des Denkens« und eine »Armut der Kunst«, die es noch zu finden galt? Und war eine solche "Armut des Denkens und der Kunst« nicht deshalb von besonderer Wichtigkeit, da es die Franziskaner gerade nicht in die Einsamkeit, sondern mitten unter die Menschen zog? In die wachsenden mittelalterlichen Städte hinein, wo sie auf neue Weise für ihren Glauben einzustehen und ihn zu vertreten hatten?
Diese Fragen sind auch Fragen des House of One. Interreligiöser Dialog wächst beim House of One entlang der gemeinsamen Beschäftigung mit Architektur und Kunst. Es gibt einen ästhetischen Einstieg, der mit dem symbolträchtigen Bauprojekt die Schönheit (inter-)religiöser Traditionen in der Mitte der Gesellschaft erfahrbar und zum Ausgangspunkt einer Beschäftigung mlt den Religionen macht. Die gemeinsame Planung, Errichtung und Nutzung des Sakralgebäudes vollzielit sich dabei als ein interdisziplinär kuratierter Prozess, der darauf zielt, Religionen und Gesellschaft, Kunst, Wissenschaft, aber auch Sport und Wirtschaft einzubeziehen. Dabei lebt das House of One vom Miteinander der Meilensteine des Bauprozesses mit ihrer rituellen Rahmung und der professionellen Begleitung durch die Theologien. Auch Diplomatie sowie prozessgestaltende Kompetenzen aus Politik, Geschichtswissenschaft, Soziologie und Öffentlichkeitsarbeit spielen eine Rolle. So gewinnt, das Projekt den Rang einer von den Religionen ausgehenden, punktuell auf einen konkreten Ort bezogenen, gesamtgesellschaftlichen Friedensbewegung. Das Gelingen des House of One wird dann daran ablesbar, ob diese soziale Bewegung an diesem konkreten Ort wächst und Kraft gewinnt - und nicht so sehr daran, wie schnell das Gebäude fertiggestellt wird. Für das Berliner House of One streben wir eine Einweihung für 2030 an.
Nationale Grenzziehungen verlieren dabei an Bedeutung. Auch hier lohnt sich der Blick auf Franziskus und seinen eindrücklichen Wagemut: Denn während er die » Basis« in Italien im Blick zu behalten hatte, die in äußerst schwierigen Wachstumsschritten ritten alle Aufmerksamkeit forderte, wandte er sich doch immer wieder darüber hinaus. Er brach zu Reisen auf - auch wenn nicht alle erfolgreich waren. Und er schrieb Gedichte und Briefe an kirchliche und politische Autoritäten seiner Zeit. Damit wollte er das Bewusstsein für ein gemeinsames und umfassendes Handeln als fratres pacifici - als Brüder des Friedens - wecken.
Von diesem Wagemut wollen wir uns immer von Neuem im House of One anstecken lassen. In einer Zeit, in der die globalen Probleme und Krisen an keiner Grenze Halt machen, wäre es weltfremd, den interreligiösen Dialog nicht auch konsequent global zu denken. Mit den Partnerprojekten des House of One in Tbilisi in Georgien, Bangui in der Zentralafrikanischen Republik und mit Kooperationen mit interreligiösen Akteuren in Amsterdam, Minsk oder Bern haben wir begonnen, den Weitblick einzuüben.
Und er muss weiterwachsen, denn - um das Vermächtnis der 2023 verstorbenen Antje Vollmer zu zitieren - "der Hass und die Bereitschaft zum Krieg und zur Feindbildproduktion ist tief verwurzelt in der Menschheit, gerade in Zeiten großer Krisen und existenzieller Ängste. Heute aber gilt: Wer die Welt wirklich retten will, diesen kostbaren einzigartigen wunderbaren Planeten, der muss den Hass den Krieg gründlich verlernen. Wir haben nur diese Zukunftsoption."
Autor:
Roland Stolte, evangelischer Theologe und Vorsitzender des Verwaltungsdirektoriums der Stiftung House of One - Bet- und Lehrhaus Berlin