Adam, wo bist du?

Screenschot aus Video mit Ilana Lewitan

Im Rahmen des Festjahres #2021 Jüdisches Leben in Deutschland  ist die Installation "Adam, wo bist du?" der Künstlerin Ilana Lewitan entstanden. In Berlin ist die Kunstschau in der Parochialkirche zu sehen, die zur House of One-Gründungsgemeinde St.Marien-St.Petri gehört. Das House of One selbst wird als Kooperationspartner das pädagogische Vermittlungsprogramm der Ausstellung mitgestalten.

Wann? 11. Oktober bis 14. November 2021, dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr

Wo? Parochialkirche, Klosterstraße 67 in 10179 Berlin-Mitte

Der Eintritt ist frei. Es gilt die 3-G-Regel: geimpft, genesen oder getestet.

 

 

Die Festrede zur Eröffnung in Berlin (Sonntag, 10. Oktober) hat Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble gehalten. Der gläubige Christ sprach über die Bedeutung der biblischen Worte „Adam, wo bist du?“ sowie „Kain, wo ist dein Bruder?“. Schäuble stellte die Frage, wie die Schoa überhaupt geschehen konnte. "Das Geschehen bleibt unfassbar", sagte der 79-Jährige. "Je älter ich werde, je länger ich darüber nachdenke, desto unfassbarer wird es für mich." Schäuble sprach auch über Antisemitismus und dass er lange glaubte, für Antisemiten in Deutschland gebe es keinen Raum mehr. "Wir sehen gerade das Gegenteil", sagte er. Vorurteile und Stereotypen würden zunehmen statt zu verschwinden.  "Antisemitismus ist inakzeptabel und vor dem Hintergrund unserer Geschichte besonders beschämend."

 

Wer zeigt Zivilcourage gegen Antisemitismus?

 

Die Installation besteht aus verschiedenen Stationen. Als Ausgangspunkt stellt die Künstlerin Ilana Lewitan die provozierende Frage: „Stellen Sie sich vor, Jesus hätte 1938 während der NS-Zeit gelebt. Was wäre mit ihm geschehen?“ Die Reise durch die Ausstellung beginnt mit einem fiktiven Haftbefehl: Gesucht wird der Jude Jehoshua Israel ben Joseph, geboren am 24.12.1908 in Bethlehem/Nazareth, ein staatenloser Wanderprediger. Sein Verhalten gefährde den Bestand und die Sicherheit des Volkes; sollte er auf freiem Fuß belassen werden, würde er seine staatsfeindliche Tätigkeit fortsetzen.

 

In der Ausstellung ist Jesus kein Religionsgründer. Er ist einfach Jude. Damit ist er auf eine Rolle festgelegt und diese definiert, den weiteren Umgang mit ihm. Was bedeutet selbstgewählte Identität? Und welche Identität wird jemandem von außen zugewiesen? Mit diesen Fragestellungen weist die Künstlerin auf Gemeinsamkeiten und Bruchstellen zwischen Vertrautem und Fremdem, zwischen In- und Ausländern, zwischen Migrantinnen und Einheimischen, zwischen Privilegierten und Benachteiligten hin.

 

„Menschen wurden und werden aufgrund ihrer Identität vertrieben, verbannt, vernichtet. Mir geht es bei dieser Ausstellung um existenzielle Fragen: Bin ich frei, meine Identität selbst zu bestimmen, oder wird sie mir auferlegt? Verhalten sich Menschen solidarisch, wenn jemand ausgegrenzt und verfolgt wird? Wer zeigt Zivilcourage, wenn Grundrechte verletzt werden? Diese Themen sind für mich als Tochter von Shoah-Überlebenden und als Künstlerin von zentraler Bedeutung. Menschen, ebenso wie die Kunst, haben ein Recht auf freie Entfaltung.“

Ilana Lewitan im Gespräch mit Stephan-Andreas Casdorff, Herausgeber des Tagesspiegels

 

Corinna Zisselsberger, Pfarrerin der Gemeinde St.Petri-St.Marien, die Gründungsmitglied des House of One ist und in deren Parochialkirche die Ausstellung zu sehen ist, thematisierte die Vergangenheit des Ausstellungsorts in der NS-Zeit. Der Pfarrer der Parochialkirche war, wie viele Geistliche im Berliner Stadtzentrum in dieser Zeit, war strammer Anhänger Hitlers und Antisemit. "Wir können die Schuld nicht ungeschehen machen", sagte Zisselsberger. "Es ist uns daher ein großes Anliegen mit aller Kraft gegen den Antisemitismus zu kämpfen."  Wegsehen sei keine Option. Jesus habe als Jude gelebt und sei als Jude gestorben.

 

Angebot des House of One für Schulklassen

 

Für Dienstag, 2. November, sowie am Mittwoch, 3. November, jeweils um 11 Uhr, können sich Schulklassen für eine Auseinandersetzung über die Ausstellung mit jüdischen, muslimischen und christlichen Vertreterinnen des House of One anmelden. Aus dem Blickwinkel verschiedener Religionen, Kulturen und Traditionen werden gemeinsam Themen wie Erinnerung, Identität von Minderheiten und Freiheit beleuchtet.

Anmeldungen bitte unter berlin@ilana-lewitan.de .

 

Weitere Infos zur Ausstellung der Künstlerin

 

 

Die Künstlerin:

 

Ilana Lewitan wurde 1961 in München geboren. Als Tochter polnischer ShoahÜberlebender
kennt sie die Zufälligkeit von selbstbestimmter und zugewiesener Identität: Im Gegensatz zu ihren Eltern hatte sie das Glück, zufällig „in der richtigen Zeit“ geboren zu sein, in der ihre jüdische Religionszugehörigkeit kein Problem oder gar eine Bedrohung darstellte. Dennoch wurde sie sich bald der Zuschreibungen von außen bewusst, umso mehr, als ihr klar wurde, dass der ans Kreuz genagelte Jesus ein Jude war, wie eng sich Christentum und Judentum aufeinander beziehen. Daraus entstand der Gedanke zu dieser Installation.

Ilana Lewitan studierte Innenarchitektur und Architektur an der TU München. Von 1988 bis 1992 arbeitete sie als Architektin und freie Illustratorin in New York, u.a. bei Richar Meier Architects & Partners und Dakota Jackson. Anschließend studierte sie bei Hans Daucher und Markus Lüpertz Malerei. Seit 1995 ist sie freischaffende Künstlerin. Seit 2012 ist sie auch als Dozentin tätig. Ilana Lewitan lebt und arbeitet in München.

 

Das Rahmenprogramm

 

Sonntag, 10. Oktober

17 Uhr: Eröffnung
mit Grußwort von Dr. Wolfgang Schäuble, Präsident des Deutschen Bundestages
 

Montag, 11. Oktober

19.00 Uhr: Diskussion Schwerpunkt "Kunst"
u.a. Dr. Cathrin Klingsöhr-Leroy (Direktorin Franz Marc Museum)
Moderation: Florian Illies (Kunsthistoriker, Journalist und Buchautor)
18.00 bis 18.45 Uhr: Führung mit der Künstlerin


Sonntag, 24. Oktober

11 Uhr: Diskussion "Drei Generationen im Dialog"
ein Gespräch u.a. mit Charlotte Knobloch und Ilana Lewitan.
Moderation: Stephan-Andreas Casdorff (Herausgeber des Tagesspiegels)


Dienstag, 2. November

19 Uhr: Diskussion Schwerpunkt "Religion"
Moderation: Evelyn Finger (DIE ZEIT)
18.00 bis 18.45 Uhr: Führung mit der Künstlerin
 

Mittwoch, 3. November

17.30 Uhr: Diskussion in der Urania Berlin
"Das Schicksal Jesu 1938 im Deutschen Reich ?"
Dr. Manfred Osten im Gespräch mit Ilana Lewitan
15.30-16.30 Uhr: Führung mit der Künstlerin


Montag, 9. November

Pädagogischer Tag zur Reichsprogromnacht
Die Künstlerin steht für Gespräche mit Schulklassen, Lehrkräften sowie Schülerinnen und Schülern zur Verfügung

 

Die Ausstellung in Berlin wird gefördert durch das Bundesministerium des Inneren, für Bau und Heimat, vom Festjahr 2021 Jüdisches Leben in Deutschland, der Stiftung Berliner Sparkasse sowie dem Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst.

Als Kooperationspartner in der Vermittlung unterstützen die F.C. Flick Stiftung, das House of One und die Evangelische Schulstiftung in der EKBO die Ausstellung und die Veranstaltungen.

Weitere Veranstaltungen

Donnerstag, 23. September 2021 - 11:00 bis 12:00

Gedenkgottesdienst T4-Aktion

Anlässlich der Eröffnung des 13. Europäischen Kongresses zu psychischer Gesundheit bei intellektueller Entwicklungsstörung (EAMHID) wird an die systematische Ermordung von Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Einschränkungen und Erkrankungen erinnert, die in den Jahren 1940 und 1941 in Deutschland ermordet wurden. Menschen in all ihrer Unterschiedlichkeit stehen an diesem Tag im Zentrum. Jüdische und muslimische Gläubige des House of One sind an dem christlichen Gottesdienst in der Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche in Berlin beteiligt.

Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche
Sonntag, 22. August 2021 - 10:00 bis 11:00

"Berlin sagt Danke" - Gottesdienst in interreligiöser Beteiligung feiert Ehrenamt

Unter dem Motto "Berlin sagt Danke" feiert der ökumenische Gottesdienst vor der Gedächtniskirche unter Schirmherrschaft des Regierenden Bürgermeister Michael Müller am Sonntag das ehrenamtliche Engagement in der Zeit der Pandemie.

Samstag, 11. September 2021 - 10:00 bis Sonntag, 12. September 2021 - 15:00

Tag des offenen Denkmals: Berlins Petriplatz

Für Geschichtsinteressierte und Archäologiefreunde bietet sich am Tag des offenen Denkmals noch einmal die Gelegenheit, die Vergangenheit des Petriviertels in Berlin gemeinsam mit Archäologin Claudia Melisch zu erkunden. Die Leiterin der Grabungen auf dem Petriplatz weiß wie kein anderer über die historische Bedeutung des Bauorts des House of One zu berichten.