Donnerstag, 10. Dezember 2020

Chanukka - das Fest der Wunder

Eine Reflexion zum jüdischen Lichterfest von Rabbiner Andreas Nachama:

 

Das jüdische Lichterfest, das dieses Jahr am 10.12.2020 beginnt, erinnert an ein Wunder in Jerusalem vor mehr als 2000 Jahren. Nach einem Aufstand gegen nichtjüdischen Kultus im Tempel hatte man eine Kanne mit geweihtem Öl gefunden, die für die heilige Beleuchtung eines einzelnen Tages ausreichend gewesen wäre, aber sie brachte auf wundersame Weise acht lange Tage Licht in den Tempel. Um dieses Wunder vor Aller Augen zu halten, wird jeden Tag eine zusätzliche Kerze angesteckt, bis am achten Tag alle Kerzen an der Chanukka-Menora brennen.

Und ähnlich wie sich christliche Familien an den Adventssonntagen um den Kranz versammeln, sitzen jüdische Familien in diesen Tagen vor den Chanukkakerzen in religiös motivierter, familienträchtiger Stimmung. Die Kerzen des Chanukkaleuchters sollen nicht zu profanen Zwecken, also zum Beleuchten des Raumes verwendet werden, sondern nur angeschaut werden, um ihre Symbolhaltigkeit erkennen.

 

Menora, ein Symbol des Judentums

 

Kein jüdischer Feiertag, kein Sabbat und natürlich kein Chanukka-Fest ohne "Lichtstrahl", wie es Flavius Josephus, der Historiker, der den Makkabäerkrieg beschrieben hat, nannte. Tatsächlich ist die Menora jener siebenarmige Leuchter, der den Tempel in Jerusalem schmückte, eines der berühmtesten Symbole des Judentums. Nicht von ungefähr haben im Laufe der Jahrhunderte jüdische Kunsthandwerker die acht Lichter der Chanukkatage zur Chanukkia, zum menoraähnelnden Leuchter geschaffen. Und dies auch mit inhaltlich gutem Grund, heißt es doch schon im ersten Kapitel der Bibel: "Es werde Licht, und es ward Licht."

So lautet der Wortlaut des zweiten Schöpfungsaktes, wobei angemerkt sei, dass es sich hierbei ganz offensichtlich nicht um das Tageslicht im eigentlichen Sinn zu handeln schien, denn erst nachdem die Meere und die Flora geschaffen waren, wurden Sonne, Mond und Sterne erschaffen:

 "Und Gott sprach: Es seien Lichter an der Fläche des Himmels zu scheiden zwischen dem Tag und der Nacht... und sie seien zu Lichtern an der Fläche des Himmels, zu leuchten auf die Erde... und Gott machte die beiden großen Lichter: das große Licht zur Herrschaft des Tages und das kleine Licht, zur Herrschaft der Nacht und die Sterne."

Es gab also Licht, bevor Sonne und Mond als Leuchtkörper gab. Der scheinbare Widerspruch hebt sich aber auch dann auf, wenn man die Bedeutung des Lichtes in der jüdisch-biblischen Vorstellungswelt betrachtet: Licht steht für die ideale Erkenntnis, für das wahre Heil, aber auch für den richtigen Weg und für das Gute. So heißt es etwa bei Jesaja, Kapitel 42, Vers 6: "Ich, der Ewige, habe dich berufen ... und dich eingesetzt ... zum Licht der Nationen".

 

Licht im Sinne von Erleuchtung

 

Diese biblische Vorstellung der Erleuchtung ist auch in unseren Sprachgebrauch übergegangen. Dass ein finsterer Geselle keine lichte Gestalt ist und möglicherweise sein Handwerk im Dunklen betreibt, muss hier wohl nicht beleuchtet werden. Aber nicht nur in unserer Umgangssprache charakterisieren wir zum Beispiel inhumane Justiz, Foltermethoden und öffentlich vollstreckte Todesurteile im Vergleich zu den "finstersten Tagen" des Mittelalters. Schließlich geschieht es doch des Öfteren, dass jemandem ein Licht aufgeht. Womit wir wieder bei der Bibel wären.

Wenn es also um Licht im Sinne von Erleuchtung geht, dann kommt dieser Feiertag gerade recht. Mögen all jene, die miteinander verfeindet waren und sind, erleuchtet werden: nur sie können zusammenkommen und miteinander Frieden schließen, sei es nun in den USA nach den Präsidentenwahlen oder im Nahen Osten. So wie es im Psalm 97, Vers 11 heißt: "Licht ist ausgesät dem Gerechten". So wollen wir denn hoffen, dass mit jedem Chanukka-Licht, das in den nächsten acht Tagen angezündet wird, mehr Licht für alle scheint, ja, dass die Lichter wieder angehen in allen Kultureinrichtungen, dass wir ohne Masken und Abstandsregelungen unsere Gottesdienste und Kidduschim feiern können.

 

 

Was bedeutet das für uns heute? Sollen wir nur auf die Menora schauen und sonst nichts machen?

Vor einigen Jahren war ich im Beethovenmuseum in Bonn. Dort steht ein Flügel auf dem der große Meister seine Kompositionen angespielt haben soll. Wie ich einigermaßen beeindruckt vor dem historischen Musikinstrument des großen Meisters stehe, kommt eine junge Touristin herein, schnorchelt etwas zu dem Museumswärter, setzt sich an den Flügel und beginnt grauenhaft stümperhaft die Mondscheinsonate zu spielen. Als sie ihr Gedächtnis verlässt, steht sie auf und sagt, sie nehme an, dass alle großen Pianisten, die das Museum besuchen, auf diesem Flügel spielen. Der Museumswärter schüttelt den Kopf und sagt, "nein, vor einigen Jahren stand der legendäre Pianist Waldimir Horovicz hier tief beeindruckt und hatte bescheiden angemerkt, er sei nicht würdig genug, um Beethovens Flügel zu berühren."

Wir müssen nicht alles für nützliche, materialistische, rationale Gründe tun. Wir könnten auch einmal etwas einfach auf uns wirken lassen.

Im Museum sich einfach beeindrucken lassen von dem Objekt – hier von dem Flügel Beethovens. Wir sollen uns bewusst bleiben, dass nicht alle Vorausberechnungen, die wir täglich als Horrorszenarien in den Nachrichten hören, eintreffen werden: So wie die Ölmenge für nur einen Tag berechnet war, aber für acht Tage Licht in diese dunkle Welt brachte, so sollen wir uns nicht allen Kassandrarufen unterwerfen. Und vielleicht kommt uns, wenn wir vor den Kerzen sitzen, ein zündender Gedanke zur wundersamen Verbesserung unserer Lebensumwelt!

Vielleicht kommt ja bald die Erleuchtung, wie wir auf wunderbare Weise das für Chanukka ausgegebene Prophetenwort Sacharias (4,6) erfüllen können:

Nicht durch Heeresmacht,
und nicht durch Individuumsstärke,
sondern durch meinen Geist
spricht der Ewige der Heerscharen.

So hoffen wir auf ein Chanukka-Wunder für alle: dass ein wirksames Mittel gegen die Corona-Epidemie gefunden und gerecht verteilt wird.

Bleiben Sie gesund und von IHM behütet!

Für diese jahreszeitlich dunkle Zeit, die durch Kerzen und Lichter etwas aufgehellt wird - wünsche uns allen eine erleuchtende Zeit:
es möge auf wundersame Weise Licht für die Welt werden!

 

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