Montag, 26. August 2019

Israelsonntag im Trialog

25.08.2019 Israelsonntag, St. Marienkirche

Die Wahrheit des Anderen

„Liebe deinen Nächsten, er ist dir gleich“- diesen Satz kennen wohl die meisten, mancher mit leichten Abwandlungen. Die Botschaft aber formuliert einen verbindenden Wert über Religionsgrenzen hinaus. Das oben genannte Zitat ist aus der Tora und wird übersetzt mit „wie dich selbst“. Kernpunkt ist der respektvolle Umgang miteinander. Was aber ist das höchste Gebot? 

Diese Frage war Thema des Israelsonntags, am 25. August, in der St. Marienkirche in Berlin-Mitte. Der Tag ist fester Bestandteil des evangelischen Kirchenkalenders und nimmt den jüdisch-christlichen Dialog und die Verbundenheit von Kirche und Israel in den Fokus. In diesem Jahr hat Pfarrerin Corinna Zisselsberger den Blick geweitet und in die Gestaltung des Gottesdienstes nicht nur Esther Hirsch, jüdische Kantorin des House of One, sondern auch Osman Örs, Imam des House of One, eingeladen, an der Gestaltung des Gottesdienstes mitzuwirken. Damit verbunden ist die Hoffnung, dass aus persönlichen Beziehungen zwischen Menschen unterschiedlicher Religion und Tradition Verständnis und Frieden wachsen.

Das Zitat „...er ist dir gleich“ verweist unter anderem auf das erste Buch Moses“, sagt Kantorin Esther Hirsch. Dort finde sich im Schöpfungsbericht der erste Mensch, Adam. Wörtlich übersetzt war Adam ein „Erdling“, ein aus der Erde Geschaffener. Somit sind alle Menschen nach ihm aus der gleichen Erde. Nicht nur auf jüdischer und christlicher Seite ist dieses Gebot von außerordentlicher Bedeutung, auch im Islam. Nicht anders ist es, wenn man das Gebot der Einzigkeit Gottes betrachtet.

שְׁמַע יִשְׂרָאֵל יְהוָה אֱלֹהֵינוּ יְהוָה אֶחָד- „Höre Israel! Der Ewige, unser Gott, der Ewige ist eins“, heißt es in der Tora im sogenannten Sch’ma Israel. Imam Osman Örs zieht aus muslimischer Sicht folgenden Vergleich: Gottes Majestät zeige sich auch in der Vielfalt seiner Geschöpfe. Eine Mücke etwa scheint dem Menschen oft unbedeutend, sogar lästig. Ihr filigraner Körperbau aber ist Zeuge der Kunstfertigkeit ihres Schöpfers.

„Ein Stück zurücktreten und der Wahrheit des Anderen Platz machen“, sagte Imam Osman Örs im Gottesdienst. Die Sichtweise des Anderen könne auch Bereicherung des eigenen Standpunkts sein. Ein zum Nachdenken anregender Satz angesichts einer gesellschaftlichen Atmosphäre in Deutschland, in der derzeit vor allem das Trennende Betonung findet. 

„Es beginnt mit dem Hören“, so auch Pfarrerin Corinna Zisselsberger. Das Sch’ma Israel beginne mit dem Hören auf Gott und wirklicher Dialog beginne mit Interesse, einer Frage und dem Hören aufeinander. Miteinander zu sprechen statt übereinander zu reden, sei somit das Ziel des jüdisch-christlich-muslimischen Gesprächs. Im Gegenüber ein von Gott geliebtes Geschöpf zu sehen führe zu Empathie und Solidarität angesichts zunehmender An- und Übergriffe auf jüdische und muslimische Menschen in Berlin. „Höre… und du wirst lieben“, heißt es im Sch’ma Israel. „Liebe ist unteilbar und sie reicht für alle. […] Wir alle sind aufgerufen, den anderen zu zeigen: ‚Ihr seid nicht allein. Ihr seid unsere Geschwister. Denn ihr seid wie wir‘“, so Pfarrerin Corinna Zisselsberger in der trialogischen Predigt zum Israelsonntag.